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200
JAHRE
VICTOR
H U G O
Von
Thomas Köster
Zum Geburtstag des
französischen Romanciers, Dramatikers und Zeichners Victor Hugo
(1802-1885) hat sich Paris festlich in Schale geworfen. In der Comédie
Française wird Hugos größter Bühnenerfolg Ruy Blas (1838)
aufgeführt; ab Anfang Juni 2002 werden im Théâtre du Nord-Ouest sämtliche
Dramen des Romantikers gegeben. In der Maison de Victor Hugo kann
man gleich drei Ausstellungen zu Leben und Werk bewundern, die unter
anderem dem Einfluss des Dichters auf die moderne Kunst gewidmet
sind. Wenn man das sieht, dann könnte man meinen, Paris hätte es
mit seinem im Pantheon begrabenen Nationaldichter immer leicht
gehabt.
Tatsächlich
war dies nie der Fall: Hässlich ist dem streitbaren Hugo die französische
Hauptstadt zu Lebzeiten immer erschienen, eher hemmend als
befruchtend und voller sozialer Ungerechtigkeiten. "Was Paris
angeht", schrieb er zu der von Baron Georges Haussmann
initiierten Boulevardisierung der Metropole, "so erwürgt es
deine Hand; keine anarchischen Straßen mehr". In seinem
monumentalen, von sozialistischen Gleichheitsidealen getragenen
Romanepos Die
Elenden (1862) stieg Hugo hinab in den "Bauch von
Paris" (so eine Kapitelüberschrift): in die Kanalisation der
verarmten Pariser Halb- und Unterwelt. "Eine Gesellschaft, die
das Elend, eine Religion, die die Hölle, eine Humanität, die den
Krieg zuläßt", gab der streitbare Dichter und Kirchenkritiker
mit Blick auch auf die französischen Zustände an, "erscheinen
mir als minderwertige Gesellschaft, Religion und Humanität".
 Besonders
deutlich kommt Hugos Hassliebe zu Paris in seinem wohl bekanntesten
Roman Der
Glöckner von Notre-Dame (1831-33) zum Tragen. In dessen
sprachlich ausgefeilter Architektur wird die Schön- und Rätselhaftigkeit
des gotisch aufragenden Mittelalters anhand der Liebesgeschichte des
buckligen Quasimodo und der bezaubernden Esmeralda gegen die
Flachheit der modernen Großstadt ausgespielt. Vor allem aufgrund
seiner psychologischen Finesse und der grandiosen Darstellung des düstren
15. Jahrhunderts ist dieser Klassiker der französischen Literatur
bis heute die Lektüre wert.Für Lesemuffel gibt es seit kurzem die
großartige, für den Rundfunk allerdings gekürzte Bearbeitung von Der
Glöckner von Notre-Dame des Hörverlags unter der Regie von
Simon Bertling und Christian Hagitte auf CD
(oder Kassette):
eine Fassung, die einem wie die Glocken der Pariser Kathedrale lange
in den Ohren klingt -- auch wenn sich Katharina Bellena als
Esmeralda nach etwas schwachem Anfang zu voller Schönheit und
stimmlicher Größe in den ersten 20 Hörminuten erst noch steigern
muss.
 Dass
Hugo weniger der große Franzose, als vielmehr ein früher
Verfechter der "Vereinigten Staaten von Europa" war, der
mehrere Staatsämter bekleidete, nicht nur in dem Roman Die
letzten Tage eines Verurteilten vehement gegen die
Todesstrafe stritt und sich vom Monarchisten zum glühenden
Republikaner wandelte, stellt Jörg
W. Rademacher in seinem dtv-Porträt heraus, dessen Ausrichtung
die eher literaturhistorische Studie Karlheinrich
Biedermanns (rororo Monografie) trefflich ergänzt. Rademacher
verfolgt die Karriere des Generalssohns aus Besançon, der bereits
als 20-Jähriger von Ludwig XVIII. ein Dichtergehalt erhielt und
bald in die Académie française aufstieg, von seinen Anfängen als
umjubelter Dramatiker des Cromwell (1827) bis hin zum
politischen Exil auf der englischen Kanalinsel Guernsey und seinem
Pariser Lebensabend als "Legende der Dritten Republik".
Auch wenn da manche Aus- und Abschweifung eher die Belesenheit des
Biografen als das Leben des Biografierten illustriert und die eine
oder andere Grafik nicht unbedingt einleuchtend gewählt erscheint:
Wer sich über das turbulente (und an Affären nicht gerade arme)
Leben Hugos informieren will, ist bei Rademacher bestens aufgehoben.
 Den bedeutenden
Zeichner Victor Hugo, der seine Briefe an die Familie immer auch mit
Skizzen der bereisten europäischen Landschaften versah, kann man im
schönen Band Schichten
der Nacht bestaunen, der die Bilder des romantischen
Dichters mit den Übermalungen Arnulf
Rainers konfrontiert. Dabei sehen die düstren Zeichnungen Hugos
eigentlich fast selbst schon aus wie Schöpfungen Rainers: an den Rändern
zerfranste, fast abstrakte Tintenfantasien von Städten am Rhein,
geheimnisvolle Burgen oder nächtliche Passagen, die eher auf die
unsichtbaren Nachtseiten der Wirklichkeit verweisen denn auf einen
tatsächlich in der "wahren" Welt vorhandenen Gegenstand.
Was lag da für Rainer näher, als Hugos Übermalungen des
Zeichenpapiers seinerseits nochmals zu übermalen? Entstanden sind
111 faszinierende Dialoge zwischen dem Werk des malenden Dichters
aus dem 19. Jahrhundert und dem des (bisweilen dichtenden) österreichischen
Malers, die vorstoßen in die "Schichten der Nacht". Eine
"Voyage de nuit" (so ein Gedichttitel Hugos), der man sich
betrachtend anschließen sollte.
 Ansonsten sind hierzulande (anders als in Frankreich) erschreckend wenig neue Bücher
zu Leben und Werk Hugos erschienen -- was umso erstaunlicher ist,
als gerade einmal ein Drittel der Romane, Gedichtbände und
Schriften des Romantikers von europäischem Rang in deutscher Übersetzung
vorliegt. Selbst Die
Elenden sind zumeist nur in starker Kürzung lieferbar: In
der Manesse-Ausgabe
etwa fehlen ganze 300 Seiten. So bleibt noch immer zu hoffen, dass
diesem Missstand bald ein Ende bereitet wird. Denn "letztlich
muss man Hugo lesen", schrieben die Literaturwissenschaftler
E.H. und A.M. Blackmore in ihrer Übersetzung der Selected
Poems (2001): "sonst kann man ihn nicht
verstehen".
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