Weltmann wider Willen

Zum 100. Geburtstag des Autors Erich Maria Remarque

Von Thomas Köster

Im Juni 1929 berichtete die Presse vom merkwürdigen Fall des internationalen Hoteldiebs Stephan Bukor, dem seine literarische Neugier zum Verhängnis geworden sei. Außer dem Familienschmuck der Baronesse Vesque-Puetlingen nämlich habe Bukor auch das kurz zuvor erschienene "berühmte Kriegsbuch" Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque geraubt und auf dem Nachttisch liegen lassen, wo die Polizei es fand. So wurde der Verbrecher "auf eine in der Kriminalgeschichte noch nicht dagewesene Art" überführt.

Die Anekdote vom belletristisch interessierten Meisterdieb findet sich in der bösen Polemik Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt? des Satirikers Mynona wieder, die noch im Erscheinungsjahr des Weltbestsellers auf die rasch um den Autor einsetzende Legendenbildung reagierte und diesen in der Titelpointe selbst zum Reklamegag des Buchmarkts erklärte. Dabei ist das Pamphlet noch die fairste Auseinandersetzung inmitten einer wahren Flut von Parodien und Schmähschriften, die Im Westen nichts Neues zumeist von rechter Seite nach sich zog - und die in dem Gerücht gipfelten, der gern unpolitisch-mondän sich gebende Verfasser hieße eigentlich Kramer, habe seinen profanen Namen in Remarque verdreht und von den im Roman geschilderten Kriegsgreueln keines erlebt. Auch Mynona hält ironisch fest, Remarque sei wohl nicht am 22. Juni 1898 als Sohn eines Buchbinders unter dem Namen Erich Paul Remark in der Provinzstadt Osnabrück geboren worden, sondern "auf der weißen Yacht der Lady Lilian Dunquerke" irgendwo in der Südsee.

Tatsächlich neigten nicht nur Remarques Gegner, sondern auch der Autor selbst zur Stilisierung seiner Person. Mit Dandykleidung probte bereits der 13jährige den Ausbruch aus kleinbürgerlicher Enge. 1918 konnte man den durch Granaten an der Westfront verwundeten einfachen Soldaten mit Leutnantsuniform, Reitpeitsche und Schäferhund im Osnabrücker Café Germania sitzen sehen. Sechs Jahre später gar sollte ein gekaufter Adelstitel ("Freiherr von Buchwald, genannt Remarque") dem Jungredakteur der Zeitschrift Sport im Bild in Berlin weltmännische Eleganz verleihen.

Literarisch fand dieser Hang zum Dandy in Essays wie Über das Mixen kostbarer Schnäpse oder Leitfaden der Decadence von 1924 ebenso Ausdruck wie in dem schwülstigen Künstlerroman Die Traumbude (1920) oder in Station am Horizont (1927), einer im Rennfahrermillieu Monte Carlos spielenden Huldigung an Luxus, Tempo und die "Sensation des Ichs".

Erst Im Westen nichts Neues aber machte Remarque mit einem Schlag reich und weltberühmt. Für diesen spektakulärsten Erfolg der deutschen Literaturgeschichte sorgte eine gewaltige Marketingkampagne des Ullstein-Konzerns, zu der auch eine Verfälschung der Biographie Remarques gehörte - vor allem aber die Qualität des Buchs, das (anders als vom Autor angegeben) keineswegs in einem sechswöchigen Schreibrausch entstand, sondern in mehreren Überarbeitungen klug komponiert worden ist. In 50 Sprachen übersetzt und mit einer Gesamtauflage von weit mehr als 15 Millionen Exemplaren wird die Geschichte des 19jährigen Soldaten Paul Bäumer, deren oft als trivial gebrandmarkter Stakkatostil das Massensterben im Maschinengewehrfeuer an der Front reflektiert, in Deutschland noch heute jährlich über 40 000 mal verkauft.

Plötzlich zur öffentlichen Person geworden, fand Remarque sich nicht nur im Feuilleton, sondern verstärkt auch in den Klatschspalten der Boulevardpresse wieder. Alkoholische Eskapaden wurden ebenso publik wie Liebschaften mit den Filmdiven, vor allem später in den USA: Die 1937 in Venedig beginnende und in den drei Jahren ihrer Dauer oft unglückliche Liebe zu der "das Puma" genannten Marlene Dietrich zum Beispiel, ("Es ist die sanfte Hölle jetzt"), die kurze Affäre mit der "göttlichen" Greta Garbo oder die 1958 geschlossene Ehe mit der Ex-Frau Charlie Chaplins, Paulette Goddard. Der ersehnte Ruhm freilich war eher Fluch als Segen: Depressionen und Selbstzweifel blieben ("Nicht dazugehören. Kein Literat sein"), Reporter wurden mit einem "Ich bin nicht Remarque" abgewimmelt. "Ich flüchte vor den Menschen", heißt es 1931 einmal, "vor mir selbst und vor dem Leben."

Gegen den Erfolg von Im Westen nichts Neues hat Remarque in zehn weiteren Zeitromanen und mehr als hundert Kurzgeschichten glücklos angeschrieben. Wichtiger aber ist, daß er mit dem Buch zu einem sachlich-distanzierten Ton und dem eigentlichen Thema fand: Nicht nur die weiteren Hauptwerke, der Exilroman Arc de Triomphe (1945), der KZ-Roman Der Funke Leben (1952) und die Heimkehrergeschichte Der schwarze Obelisk (1956), handeln von der Einsamkeit des gequälten Individuums.

Im Dezember 1930 erwirkte Joseph Goebbels durch groteske Störaktionen bei der Deutschlandpremiere (inklusive Stinkbomben und weißer Mäuse) ein Verbot des Films, den Lewis Milestone nach Im Westen nichts Neues gedreht hatte. Am 10. Mai 1933 verbrannten die Nazis den Roman wegen "Verrats an den Soldaten des 1. Weltkriegs" vor einer johlenden Menge in Berlin. Remarque verfolgte die Szene am Radio in seiner Tessiner Villa in Porto Ronco, wohin er, der zynisch gewordene Romantiker, sich rechtzeitig hatte zurückziehen können, "lauschte dem Knistern der Flammen - und trank auf die Zukunft". Die brachte 1938 die Ausbürgerung und im September 1939 das Exil in den USA. Remarque war nun endgültig zum Weltbürger geworden - allerdings wider Willen.

So konnte auch Hollywood, das zahlreiche seiner Romane mit prominenter Besetzung verfilmte, nicht recht zur neuen Heimat werden. Hier stempelte seine privilegierte Existenz Remarque zum Außenseiter. Vor allem die mittellose deutsche Emigrantenszene begegnete dem Millionär mit - wohl auch neidischem - Befremden. Das "Plakatscheusal" der Rechten (Carl von Ossietzky) fand auch bei der exilierten Linken kaum Anschluß. Zu wenig hatte der Partygänger mit den geschundenen Figuren seiner Romane gemein. Nur ein kleiner Kreis um Carl Zuckmayer und Franz Werfel hielt ihm die Treue. "Und irgend etwas fehlte mir in seinem Gesicht", notierte Bertolt Brecht nach einem Silvesterfest 1941, bei dem Remarque im Smoking erschienen war, "wahrscheinlich ein Monokel."

Statt dessen traf Remarque auf Orson Welles, Dolores del Rio, Salvador Dalí, Errol Flynn und Gary Cooper. Aber das oberflächliche Los Angeles war ihm zuwider. "Alles ist dauernd in Pose", hielt er angeekelt fest - und war doch Teil davon. Immer mehr begann Remarque offenbar, auch die eigenen Rollen zu hassen. Am 15. August 1950 resümierte der Autor in seinem Tagebuch, die "übergroße Schauspielerei, Weltmann, homme à femme" sein zu wollen, resultiere aus dem Gefühl, "nicht 'lovable' zu sein. Daher der Wunsch, ein anderer zu sein als ich selbst, um 'lovable' zu werden." Vier Jahre später enden die Notizen, wohl auch deshalb, weil Remarque Paulette Goddard begegnet war, einem Menschen, bei dem er sich nicht mehr verstellen zu müssen glaubte. Den Zeitungen gegenüber kultivierte er den eigenen Mythos weiterhin - ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Unterfangen.

Erst allmählich ließ der Medienrummel nach, und als Remarque am 25. September 1970 an den Folgen einer Herzkrankheit in Locarno starb, war bei der Beerdigung in Porto Ronco keine Presse und kaum Prominenz zugegen. Doch alle Handwerker des Orts folgten dem Sarg, ebenso die Ladenmädchen, der Apotheker und die Wirte. "Keiner dachte daran, daß man einen großen deutschen Dichter zu Grabe getragen hatte", schrieb der Schriftstellerfreund Hans Habe damals. Vermutlich hätte Remarque sein ehrlicher Trauerzug gefallen.

Zum 100. Geburtstag von Erich Maria Remarque sind erschienen: die informative Biographie Wilhelm von Sternburgs (Als wäre alles das letzte Mal, Kiepenheuer & Witsch, 1998) und ein von Thomas F. Schneider herausgegebener Symposiumsband des Osnabrücker Remarque-Zentrums (Erich Maria Remarque. Leben, Werk und weltweite Wirkung, Rasch, 1998). Das Zentrum, das mehr als 30 000 Dokumente besitzt, begeht den Jahrestag mit Ausstellungen, Theater- und Filmvorführungen.

Bei Kiepenheuer & Witsch kamen in diesem Jahr eine 14bändige Taschenbuchausgabe (mit neuem Nachwort), die Großen Romane (4 Bände), Das unbekannte Werk (5 Bände) und Station am Horizont heraus.

(© cpw Medien- und Publikationsdienste / Süddeutsche Zeitung, 1998)