|
"Die
jungen Damen sind schon lange fort"
Anmerkungen zum
Erzählwerk des Kölner Autors Jochen Schimmang
Von Thomas
Köster
Früher habe ich
mir das Leben viel schöner vorgestellt.
Die Geistesgegenwart (1990)
Meine Augen haben
ein gutes Gedächtnis.
Das Vergnügen der Könige (1989)
Bei
Jochen Schimmang sind die Helden ständig auf der Reise. Acht Romane
und Erzählbände hat der 48-jährige Kölner Autor, der 1996 den
Rheinischen Literaturpreis erhielt, bisher vorgelegt, und in fast
allen läßt er seine Privatgelehrten, Detektive, Professoren und
Archivare in Autos oder Zügen quer durch Deutschland und Europa
(bisweilen mit dem Flugzeug sogar nach Amerika) jagen. Der von
Schimmang gern zitierte Philosophensatz Pascals, der das ganze Unglück
des Menschen aus dem Umstand erklären will, daß es ihm nicht gelänge,
ruhig im Zimmer zu verharren, schreckt sie nicht ab. Im Gegenteil
suchen sie ihr Heil in der Fremde und stecken die Marksteine ihrer
Sehnsucht auf Stadt- und Straßenkarten ab. Als hastige Flaneure nähern
sie sich Metropolen, "als gelte es, ihnen ein Geheimnis zu
entreißen". Allein die Fähigkeit zum Müßiggang fehlt ihnen
ganz; die "stummen Spuren der Geschichte" bleiben stumm.
Denn Schimmangs Figuren sind unaufhörlich unterwegs: Immer auf der
Flucht vor der Vergangenheit, immer auf dem Weg zu einer neuen. Glück,
weiß schon der Ich-Erzähler im gelungenen Romandebüt Der schöne
Vogel Phönix von 1979, "wenn ich überhaupt diese
Kategorie zu denken wagte, war untrennbar verbunden mit der Ferne,
mit der räumlichen und mit der zeitlichen: immer nach rückwärts
gewandt, Glück als vergangenes Glück [...]. Nach vorn zu denken
verbot ich mir. Die Zukunft war nicht der Boden des Glücks: Sie würde
sein wie die Gegenwart".
Dementsprechend
steuern die Helden Schimmangs meist in die Erinnerung. Allein die
Vergangenheit, so scheint es, kennt Territorien, die zu
kolonialisieren sich lohnt. Selten führt die Fahrt dabei so weit
zurück wie in Die Reise nach Wien (1984), eine gegen Ende
des 2. Weltkriegs spielende Erzählung, die anhand des Schicksals
vom Soldaten Schimmang und seiner Frau, nicht immer überzeugend,
Zeit- mit Familiengeschichte miteinander zu verknüpfen sucht. Immer
aber steht die Suche nach der verlorenen Zeit im Zentrum des
Interesses. Tatsächlich avanciert Marcel Proust zum großen Vorbild
Schimmangs, dem nachzueifern der Autor sich dankenswerterweise
versagt. Bereits im autobiographisch angehauchten Schönen Vogel
Phönix (Untertitel: Erinnerungen eines Dreißigjährigen)
hatte der unstete Protagonist bei der Lektüre von A la recherche
du temps perdu erstmals das Gefühl, "wieder ein bißchen
nach Hause zu kommen". Und in Königswege (1995)
endlich, dem zweiten Hauptwerk Schimmangs, kommt dem Kunsthistoriker
Vandenberg, inspiriert durch den Duft sommerlicher Rhododendren, das
Erwachen jugendlicher Sexualität zurück in den Sinn: Eine kaum
versteckte Anspielung an ein Epiphanieerlebnis der Recherche,
bei dem abgeblühter Weißdorn "süße
Kindheitserinnerungen" provoziert. Bei Proust treten die Blätter
zum Erzähler in einen Dialog, an dessen Ende die Einsicht in die
Unwiederbringlichkeit des Gewesenen steht. "Ich fragte sie nach
den Blumen, ihren Blüten, die übermütigen, koketten und zugleich
frommen jungen Mädchen ähnlich sind", heißt es in der Recherche.
Und die Blätter antworten: "Die jungen Damen sind schon lange
fort".
Auch bei Schimmang
vollzieht sich Glücksvorstellung meist im Schatten (junger) Mädchenblüte.
Im Grunde nämlich ist es der Tod des Eros, der die Fluchten der
Figuren initiiert. Die Novelle Das Ende der Berührbarkeit
(1981), ein genauer Bericht physischer und psychischer Vereinsamung,
führt diese Erkenntnis programmatisch im Titel. "Die Liebe
zerbrach: an der Entfernung; an der Vertrautheit; vielleicht an der
Gewöhnung; Jülich wußte es nicht". Was Jülich bleibt, ist
seine "Reiselust", die immer neu befriedigt sein will.
Eine Annäherung der Geschlechter, wie sie die Verständigungstexte
zwei Jahre zuvor noch für möglich hielten, ist undenkbar geworden.
Abenteuerliche Fahrten über fremde Körper finden nicht mehr statt.
Inzwischen ist
Schimmangs Werk zur groß angelegten Chronik zwischenmenschlicher
Beziehungslosigkeit - und damit zum "faltenreichen Gedächtnis"
gegen das Vergessen verlorener Gefühle - gewachsen. Ähnlich dem
Photographen der Titelgeschichte aus Der Norden leuchtet
(1984) geht es dem Kölner Autor wenn nicht um eine
"Inventarisierung der Welt", so doch um eine topographisch
genaue Bestandsaufnahme emotionaler Befindlichkeiten. Zum Teil war
dies bereits im Schönen Vogel Phönix so, auch wenn sich
hier der Wunsch, im Labyrinth der Leidenschaften einen Platz zu
finden, noch deutlich an politischen Koordinaten orientierte. Erzählt
wird die Geschichte des Gefreiten Murnau, der, in einer
Garnisonsstadt am Jadebusen stationiert, am Aufbruch der
Studentenunruhen von 1968 partizipieren will. Aber auch Murnau muß
letztlich die schmerzliche Erfahrung machen, zum Leben zu spät
gekommen zu sein. Als er endlich in Berlin studieren darf, sind die
Osterunruhen längst vorbei, Prager Frühling und Vietnamkrieg
ohnehin wirklich und erreichbar nur im Blätterwald der Zeitung.
Jeglicher Aktionismus erstickt im weltfremden Redeschwall
dilettierender Kadergruppen. Murnaus Wunsch, "an der
Unentbehrlichkeit [zu] arbeiten", weicht trauriger Enttäuschung.
Ein sterbendes Berlin bietet nurmehr "Denkmäler von etwas, was
nicht mehr da war". Dem Gefühl des Mangels entspringt der Plan
zum Besuch ferner Städte, Stationen des Durchgangs, deren
"vertraute Fremdheit man für Augenblicke genießen" kann.
Und der (natürlich scheiternde) Versuch, in zahlreiche Affären
sich stürzend Identität zu erlangen: "Nach und nach wandte
sich jeder von den kollektiven Träumen der vergangenen Jahre wieder
ganz den privaten zu".
In
der Folge spielt das Politische bei Schimmang immer weniger eine
Rolle. Deutlich wird dies etwa im Roman Carmen (1992), einer
modernen Parabel über Eifersucht, Liebesverrat und echte Treue, der
durch den Verweis auf Prosper Merimées Vorlage das resignative Ende
am Anfang schon mit eingeschrieben ist; dort geraten die Ereignisse
um die Wiedervereinigung im "Revolutionsjahr" 1989 klar
zur Staffage, deren Weg schließlich "in die Archive führt".
Die Erzählung Las Vegas und zurück des Bandes Das Vergnügen
der Könige (1989) gar schickt den Geschichtsprofessor Hoffmann
in das amerikanische Spielerparadies, wo dieser einen Raum ohne
diachronische Perspektive vorzufinden hofft (ein fataler Irrtum, da
Hoffmann gleich am ersten Tag in Las Vegas auf jemanden trifft, der
hier ein historisches Ortsmuseum errichten will): "Geschichte
ist etwas, was unendlich traurig macht". Und im Schönen
Vogel Phönix entsteigt ein Zauberwort aus der Asche des
Politischen, das wie kein zweites den Mittelpunkt des Schimmangschen
Schreibprogramms ausmacht und den Figuren wahres Glück im Privaten
verspricht. Intimität heißt dieses Zauberwort;
"bedingungslose Intimität".
Dem Einsamen bietet
der Stadtraum vor allem im Kino ein Rückzugsfeld, in dem Intimität
noch erlebt werden kann. Deshalb gilt das Lichtspielhaus dem
Intellektuellen bei Schimmang als "die einzige segensreiche
Erfindung des 20. Jahrhunderts". In der schützenden Dunkelheit
ist der Einzelne unter Hunderten mit sich und den Bildern allein. (Der
Norden leuchtet berichtet vom Traum, "einen Film als
einziger Zuschauer in einem großen Kino" zu sehen; in Der
schöne Vogel Phönix avanciert "Gehen wir ins Kino"
zu Murnaus Lieblingssatz.) Doch auch im Hotelzimmer kann mancher Erzähler
zur Ruhe kommen ("Pascal, so dachte ich, würde heute bei
seinem bekannten Satz an die Intimität von Hotelzimmern
denken") und lesend sich in Metaphern versenken. Die Flucht aus
den Archiven, Seminaren und Bibliotheken führt nicht selten in die
Literatur zurück. Tatsächlich kann man bei Schimmang des öfteren
beobachten, wie eine der Figuren im Zitat "hinter Büchern
verschwand, mit ihnen eins wurde, ununterscheidbar". Diese
"Heimkehr zu den Wörtern" spielt auch auf Autorenebene
eine wichtige Rolle. Negativ macht sich dies - allerdings äußerst
selten - in sprachlichem Epigonentum bemerkbar, etwa dort, wo der
ansonsten eigene, geradlinig und diszipliniert durchgehaltene Erzählton
beispielsweise von Das Ende der Berührbarkeit in den Duktus
von Büchners Lenz verfällt oder der Anfang der
autoreflexiven Erzählung Laederach (1989) die Kälteprosa
Thomas Bernhards imitiert. Ansonsten aber ist die Heimkehr zu den Wörtern
Teil eines intellektuellen Spiels, an dessen Entschlüsselung der
Leser sich beteiligen soll. Neben Valérys grandiosem Ideenjongleur
Herr Teste, auf den die Erzählung Ein Abend mit Monsieur P.
(1989) verschlüsselt hinweist, oder Vladimir Nabokovs Humbert
Humbert, hinter dessen ungleich imposanterer Gestalt sich Simon
Simon, der Archivar aus Carmen, verstecken kann, stellt unter
anderem Robert Musils Ulrich einen solchen Bezugspunkt dar. Nicht
ohne ironischen Unterton hat Schimmang seinen Politologen in Ein
glücklicher Wissenschaftler (1984) nach Ulrichs erstem Namen
Anders genannt und als Zuglektüre - durch Anspielungen ist dies
dechiffrierbar - den Mann ohne Eigenschaften auf den Schoß
gelegt. Denn die Flucht aus der akademischen Karriere in den
"anderen Zustand" gelingt dem zweiten Anders nicht. Die
Utopie eines gelungenen Lebens verbleibt im Möglichkeitsraum der
Lektüre. Dies ist der eigentümliche, nur vorläufig rettende
"Zusammenhang von Literatur und Glück".
Mehr
noch als die Dichtung aber schafft die bildende Kunst dem Einsamen
bei Schimmang eine Form von Vertrautheit, in der er sich geborgen fühlen
darf. In diesem Sinn wird der von den Frauen verlassene Vandenberg
in Königswege auf seiner Reise nach Amsterdam durch die
geheimnisvollen Schönheit des Vermeergemäldes Das Mädchen mit
dem Perlenohrgehänge hingerissen. "Sechsundvierzig mal
vierzig Zentimeter: Maße der Intimität." Im Zustand einer
privat gefärbten Annäherung (der Kunsthistoriker erkennt plötzlich
die Ähnlichkeit zwischen dem Perlenohrmädchen und seiner
Jugendliebe Karin Lammers) löst sich Unglück auf in interesseloses
Wohlgefallen. Neben Hotelzimmer und Kino gewährt vor allem das
Museum dem Flüchtenden Asyl - und die Aussicht auf ein Glücksgefühl,
das dem der rückhaltlosen Liebe vergleichbar ist.
Nicht von ungefähr
versucht die biographische Erzählung Das Leben der Linien von
1989 dem Entstehungsprozeß eines Frauenporträts von Edgar Degas
nachzuspüren. Die Verwandlung des Wirklichen in Licht und fließende
Bewegung nimmt ersterem das Profane. Und in den Königswegen
führt die Aura des Vermeergemäldes Schimmang zum imäginären
Entwurf seiner Genese. Die "stumme Zwisprache" mit dem
Bild motiviert den Erzähler, das Gesehene nach rückwärts
fortzuspinnen. Kunstgeschichtliches Wissen und dichterische Freiheit
mischen sich zu einem Phantasiestück, in dem es selbstverständlich
wieder um erotische Ausstrahlung geht. Für Vandenberg ist dieser
Aspekt im unschuldig-fordernden Mädchenblick des Gemäldes
miteingefangen. Und auch in den Königswegen wird durch die
geheimnisvolle Transformation erlebter Realität im Kunstwerk - Das
Mädchen mit dem Perlenohrgehänge ist für Schimmang "das
gewiß rätselhafteste Bild Vermeers" - der Alltag der Alltäglichkeit
entrückt (so die Überschrift einer Ausstellungsbesprechung des
Autors zur großen Retrospektive des Niederländers in Den Haag
1996). "Mit geschlossenen Augen sah er aus der Erinnerung und
erreichte schwindelerregende Genauigkeiten", heißt es
dementsprechend in Das Leben der Linien über die Schöpferkraft
eines Degas. Diese Aussage über die poetische Macht der Bilder könnte
so und nicht anders als Anspruch über Schimmangs Gesamtwerk stehen.
Mit seinem klugen
Kolportagekrimi Die Geistesgegenwart hat Schimmang 1990 die
Jagd nach Bildern zum auch vordergründigen Thema eines Romans
gemacht: Hier ist die Suche nach dem gleichnamigen Gemälde
Magrittes, das aus einem Museum gestohlen und durch eine perfekte Fälschung
ausgetauscht wurde, ins Zentrum der Handlung gestellt. Bevor aber
alle Stränge der nebulösen Geschichte bei der Kunst- und
Philosophiestudentin Lucienne Lemaire in der Rue des Pensées in
Belgien zusammenlaufen, muß der Detektiv Kleff rast- und ratlos
durch das Heimatland des Malers reisen. Dabei gerät der
Kriminalroman immer mehr zum Vexierspiel mit den Versatzstücken des
Genres und stellt nicht zuletzt auch die philosophische Frage nach
den komplexen Fälschungen einer Lebenswelt, die nicht zuletzt die
Kunst und sich selbst zitiert. (Es sei eine Tatsache, schreibt
Schimmang 1997, daß "wir oft jahrelang der Verwirklichung von
Bildern nachjagen, die keineswegs die eigenen sind".) Vor
diesen Unzulänglichkeiten aber, so lautet eine Botschaft der Geistesgegenwart,
scheint nur der geschützt zu sein, der sich ganz ins Ästhetische
zurückzuziehen weiß. Die Begierde des Betrachters, im Gemälde zu
verschwinden, sich im kompromißlosen Akt vollkommener Intimität
"wirklich in ein Bild zu versenken", wird einmal mehr zum
größten Sehnsuchtswunsch. Bezeichnenderweise fehlt im Roman,
nachdem das Original des Magritte wieder im Museum hängt, ein
weiteres Gemälde: Cy Twomblys Crimes of Passion. Die Jagd
nach den Bildern kann also weitergehen.
Natürlich spielt
auch in der Geistesgegenwart die Sprache der Liebe eine
zentrale Rolle. Doch muß auch Kleff, wie die Figuren Schimmangs
oftmals, die Erfahrung machen, daß es in Herzensangelegenheiten
wieder einen gab, der schneller war. Nur kurzzeitig darf der
Detektiv auf dem Rücken Lucienne Lemaires "langsam südwärts
wandern". Danach wird, wie für Jülich in Das Ende der Berührbarkeit,
auch für ihn "die Einsamkeit seines Körpers unerträglich".
Ausgerechnet mit dem Fälscher des Magritte flieht die Studentin
nach Buenos Aires, einen Ort, an dem "übrigens [...] alles
Vergangenheit" ist. Zum Abschied von der Geliebten fällt Kleff
nur das berühmt-sentimentale Schlußzitat aus Casablanca
ein. Dann wirft der Detektiv, dessen Beruf es ist, "in alten
Geschichten zu wühlen", den falschen Magritte ins Wasser und
wartet, bis das Gemälde langsam untergeht. Der Erinnerung jedoch
kann man nicht entrinnen; die Bilder werden immer wieder hochgespült.
Sicher ist dies ein Klischee. Aber "den Klischees läßt sich
nicht entkommen, dachte Kleff, sie begegnen einem täglich".
(Für einen im Sonntagsblatt
abgedruckten Erzählzyklus hat Schimmang seinen Privatdetektiv 1995
neu belebt und im Turnus der Jahreszeiten als Flaneur durch vier
europäische Hauptstädte streifen lassen. Dort gerät der
Ermittlungsauftrag immer mehr zum Vorwand für das paradoxe
Unterfangen, gerade im Planlosen heimisch zu werden. "Im
Bereich vergeblicher Suche kennt er sich ausgezeichnet aus, darin
ist er zu Hause". Daß die über Amsterdam nach Lissabon führende
Exkursion keine Aufklärung der Sachverhalte bringt, stört Kleff
wenig, im Gegenteil: "Die Spurensuche verlief dann so, wie er
es sich fast gewünscht hatte. Sie verwies auf immer neue Spuren,
bevor auch nur im Ansatz etwas Greifbares sichtbar war". Wieder
ist alles wie im Kino. In Eine Stadt voller Zeichen erstarrt
das herbstliche Paris für den Detektiv einmal zur Metapher seiner
selbst und nimmt jene graublaue Nebelfärbung an, die Kleff
"aus so vielen Filmen kennt". Die Metropole wird bewohnbar
dank jener Bilder, auf die sie sich bereits vor ihrer Erkundung
berufen kann. Die Erinnerung ist quasi apriorisch: Sie geht der
Erfahrung voraus. "Paris gehört dank des Kinos zusammen mit
New York zu den beiden Städten, in denen wir uns schon auskannten,
bevor wir zum ersten Mal dort waren", schreibt Schimmang 1996
im Zeitungsaufsatz Provinz ohne Biester, einem nostalgischen
Abgesang auf den europäischen Autorenfilm. "Das Kino hat uns
überhaupt erst erklärt, was Städte sind".)
Fast schien es so,
als seinen Schimmangs Helden in den Königswegen endlich an
ihrem Ziel angekommen. Tatsächlich stellt der Autor hier offenbar
zwei Modelle geglückten Lebens vor. Vandenbergs verzweifelte Frage,
"warum die Frauen nicht bei ihm blieben", scheint durch
die Begegnung mit dem matronenhaften Zimmermädchen Grace in
Amsterdam jeglichen Sinn zu verlieren. Die Jamaicanerin avanciert
zur Allegorie des Eros selbst, in der alle Bilder sich in Realität
verwandeln. Während einer Liebesnacht gibt Vandenberg zum ersten
Mal ganz sich hin und erfährt im Übertritt in eine andere Welt die
gnädige Unendlichkeit des Augenblicks: "dann ist er dankbar,
weil er ihr sagen kann, daß er glücklich ist, very very happy.
Daß er nun weiß, was Glück ist. Was es sein kann". Im
Mittelteil des Erzähltriptychons bietet der Fund eines Geldkoffers
dem zweimal verlassenen Archivar Schlesinger die Möglichkeit, aus
seinem Alltag und der "ganze[n] Leier der erinnerten
Leidenschaft" endgültig auszubrechen. Am Ende einer
Motorradreise durch Südfrankreich steht die wiedergefundene Zeit,
die ewige Gegenwart der reinen Liebe, die sich in einer
Hotelangestellten mit dem bezeichnenden Namen Madelaine verkörpert
hat. Aber auch das ist nur eine weitere Geschichte, die nicht das
Leben, sondern das Kino schrieb. Die Poesie des Alltags existiert
nurmehr in der dichterischen Übersetzung. Und auch die Proustschen
Weißdornphantasien Vandenbergs, die der dritte Erzählteil
imaginiert, verlieren im ironischen Verlauf der Fabel schließlich
jede Kraft. Als der Kunsthistoriker, "Spurensucher und Detektiv
seit seinen Studienzeiten", am Morgen nach dem Besuch einer
Veranstaltung zur Wahl der "Rhododendronkönigin" erwacht,
bleibt ihm als Glücksmoment nur die Gewißheit, bei der
Stadthallenfarce wertend mitgemischt zu haben. Und die Überzeugung,
"daß eine Frau vielleicht niemals zu erreichen ist".
In
Schimmangs aktuellem Roman Ein kurzes Buch über die Liebe
(1997) ist denn auch alles wieder beim alten. Zwischen dem Kölner
Schriftsteller Wolbeck und der verheirateten Immobilienmaklerin Vera
Ruben entspinnt sich ein kühl kalkuliertes Beziehungsexperiment
nach festen Regeln ("Verlieb Dich nicht"), eine fast schon
mathematische Amour fou, die scheitern muß, als echte Gefühle
entstehen. "In diesem Moment weiß ich, daß diese Szene zu
denen gehört, an die ich mich später erinnern werde",
reflektiert Wolbeck selbst im Moment höchsten Glücks. "Ich
weiß, auch wenn alles in mir sich sträubt, daß es eine Zeit geben
wird, in der ich mich erinnern werde". Nach einer Reise macht
die Leidenschaft plötzlich unüberbrückbarer Entfremdung Platz.
"Ich muß Dir was ganz Blödes sagen", empfängt Vera
Ruben, die vor kurzem noch wegen Wolbeck ihren Mann hatte verlassen
wollen, den Zurückgekehrten: "Die Verliebtheit ist
vorbei". Zwischenmenschliche Katastrophen sind zumeist banal.
Dem verwundeten "Zeichenleser" Wolbek bleibt nichts
anderes, als neuerlich Schutzschilde der Unnahbarkeit um sich
aufzurichten. "Der Beginn aller Schrecken ist Liebe",
lautet eine der plakativen Weisheiten der Geistesgegenwart.
Nach der Logik der Gefühle mündet der Kampf der Geschlechter bei
Schimmang neuerlich ins Ende der Berührbarkeit.
So ist Ein kurzes
Buch über die Liebe eigentlich das genau beobachtetete Porträt
einer flüchtig lodernden Begierde, die im Strudel des Zeitgeists
untergeht. Für kurze Zeit wird das Alleinsein Wolbecks trauriger Königsweg:
"Die meisten Leute halten Einsamkeit für eine Lebensphase, für
eine notwendige Jugendsünde, eine unglückliche Entwicklung im
Alter, eine Störung, ein Betriebsunfall, eine Marotte, eine
Angelegenheit von ein paar Stunden, Tagen, Monaten, schlimmstenfalls
eine Summe von Jahren. Nur die wenigsten wissen, daß sie eine Göttin
ist, die ihre Macht von Tag zu Tag vergrößert, bis sie jeden
Winkel unseres Lebens in Besitz genommen und unsere Hoffungen und Wünsche
nach ihrem Bild geformt hat". Aber das ist sicher nur die halbe
Wahrheit. Denn auch die Hoffnung Wolbecks zielt, wie die aller Männer
Schimmangs, auf die große Liebe. "Wir gehen ins Kino",
lautet der letzte Satz des Romans, "und sehen uns eine schöne
kleine Geschichte an, die jeder verstehen kann". Es steht zu
vermuten, daß es sich dabei um eine Love-Story mit Happy-End
handeln muß.
Daß die Welt der
Unglücklichen eine andere ist als die der Glücklichen, wußte
schon Ludwig Wittgenstein. "Forget the dead you’ve left, they
will not follow you", zitiert Das Ende der Berührbarkeit
aus einem Lied Bob Dylans; "Laß die Toten", greift
Madeleine den Ratschlag in den Königswegen wieder auf.
Gerade dies aber will Schimmangs unbehausten Helden letztlich nicht
gelingen. Auch im Unglück sich einzurichten ist ihnen offenbar
versagt. So werden sie wohl ewig weiterreisen, ständig auf der
Suche, ständig auf der Flucht. Schimmangs Aufgabe aber wird es
bleiben, gegen die "zerbrechliche Einrichtung der Welt"
anzuschreiben und mit der "Melancholie des Auges" in fortwährender
Erinnerungsarbeit die flüchtigen Spuren des Begehrens mit
poetischer Exaktheit festzuhalten. Denn das Leben ist immer
anderswo. Und die jungen Damen sind schon lange fort.
(© cpw Medien- und
Publikationsdienste / Merkur/Deutsche Zeitschrift für
Europäisches Denken, 1997)
|