"Die jungen Damen sind schon lange fort"

Anmerkungen zum Erzählwerk des Kölner Autors Jochen Schimmang

Von Thomas Köster

Früher habe ich mir das Leben viel schöner vorgestellt.
Die Geistesgegenwart
(1990)

Meine Augen haben ein gutes Gedächtnis.
Das Vergnügen der Könige
(1989)

Bei Jochen Schimmang sind die Helden ständig auf der Reise. Acht Romane und Erzählbände hat der 48-jährige Kölner Autor, der 1996 den Rheinischen Literaturpreis erhielt, bisher vorgelegt, und in fast allen läßt er seine Privatgelehrten, Detektive, Professoren und Archivare in Autos oder Zügen quer durch Deutschland und Europa (bisweilen mit dem Flugzeug sogar nach Amerika) jagen. Der von Schimmang gern zitierte Philosophensatz Pascals, der das ganze Unglück des Menschen aus dem Umstand erklären will, daß es ihm nicht gelänge, ruhig im Zimmer zu verharren, schreckt sie nicht ab. Im Gegenteil suchen sie ihr Heil in der Fremde und stecken die Marksteine ihrer Sehnsucht auf Stadt- und Straßenkarten ab. Als hastige Flaneure nähern sie sich Metropolen, "als gelte es, ihnen ein Geheimnis zu entreißen". Allein die Fähigkeit zum Müßiggang fehlt ihnen ganz; die "stummen Spuren der Geschichte" bleiben stumm. Denn Schimmangs Figuren sind unaufhörlich unterwegs: Immer auf der Flucht vor der Vergangenheit, immer auf dem Weg zu einer neuen. Glück, weiß schon der Ich-Erzähler im gelungenen Romandebüt Der schöne Vogel Phönix von 1979, "wenn ich überhaupt diese Kategorie zu denken wagte, war untrennbar verbunden mit der Ferne, mit der räumlichen und mit der zeitlichen: immer nach rückwärts gewandt, Glück als vergangenes Glück [...]. Nach vorn zu denken verbot ich mir. Die Zukunft war nicht der Boden des Glücks: Sie würde sein wie die Gegenwart".

Dementsprechend steuern die Helden Schimmangs meist in die Erinnerung. Allein die Vergangenheit, so scheint es, kennt Territorien, die zu kolonialisieren sich lohnt. Selten führt die Fahrt dabei so weit zurück wie in Die Reise nach Wien (1984), eine gegen Ende des 2. Weltkriegs spielende Erzählung, die anhand des Schicksals vom Soldaten Schimmang und seiner Frau, nicht immer überzeugend, Zeit- mit Familiengeschichte miteinander zu verknüpfen sucht. Immer aber steht die Suche nach der verlorenen Zeit im Zentrum des Interesses. Tatsächlich avanciert Marcel Proust zum großen Vorbild Schimmangs, dem nachzueifern der Autor sich dankenswerterweise versagt. Bereits im autobiographisch angehauchten Schönen Vogel Phönix (Untertitel: Erinnerungen eines Dreißigjährigen) hatte der unstete Protagonist bei der Lektüre von A la recherche du temps perdu erstmals das Gefühl, "wieder ein bißchen nach Hause zu kommen". Und in Königswege (1995) endlich, dem zweiten Hauptwerk Schimmangs, kommt dem Kunsthistoriker Vandenberg, inspiriert durch den Duft sommerlicher Rhododendren, das Erwachen jugendlicher Sexualität zurück in den Sinn: Eine kaum versteckte Anspielung an ein Epiphanieerlebnis der Recherche, bei dem abgeblühter Weißdorn "süße Kindheitserinnerungen" provoziert. Bei Proust treten die Blätter zum Erzähler in einen Dialog, an dessen Ende die Einsicht in die Unwiederbringlichkeit des Gewesenen steht. "Ich fragte sie nach den Blumen, ihren Blüten, die übermütigen, koketten und zugleich frommen jungen Mädchen ähnlich sind", heißt es in der Recherche. Und die Blätter antworten: "Die jungen Damen sind schon lange fort".

Auch bei Schimmang vollzieht sich Glücksvorstellung meist im Schatten (junger) Mädchenblüte. Im Grunde nämlich ist es der Tod des Eros, der die Fluchten der Figuren initiiert. Die Novelle Das Ende der Berührbarkeit (1981), ein genauer Bericht physischer und psychischer Vereinsamung, führt diese Erkenntnis programmatisch im Titel. "Die Liebe zerbrach: an der Entfernung; an der Vertrautheit; vielleicht an der Gewöhnung; Jülich wußte es nicht". Was Jülich bleibt, ist seine "Reiselust", die immer neu befriedigt sein will. Eine Annäherung der Geschlechter, wie sie die Verständigungstexte zwei Jahre zuvor noch für möglich hielten, ist undenkbar geworden. Abenteuerliche Fahrten über fremde Körper finden nicht mehr statt.

Inzwischen ist Schimmangs Werk zur groß angelegten Chronik zwischenmenschlicher Beziehungslosigkeit - und damit zum "faltenreichen Gedächtnis" gegen das Vergessen verlorener Gefühle - gewachsen. Ähnlich dem Photographen der Titelgeschichte aus Der Norden leuchtet (1984) geht es dem Kölner Autor wenn nicht um eine "Inventarisierung der Welt", so doch um eine topographisch genaue Bestandsaufnahme emotionaler Befindlichkeiten. Zum Teil war dies bereits im Schönen Vogel Phönix so, auch wenn sich hier der Wunsch, im Labyrinth der Leidenschaften einen Platz zu finden, noch deutlich an politischen Koordinaten orientierte. Erzählt wird die Geschichte des Gefreiten Murnau, der, in einer Garnisonsstadt am Jadebusen stationiert, am Aufbruch der Studentenunruhen von 1968 partizipieren will. Aber auch Murnau muß letztlich die schmerzliche Erfahrung machen, zum Leben zu spät gekommen zu sein. Als er endlich in Berlin studieren darf, sind die Osterunruhen längst vorbei, Prager Frühling und Vietnamkrieg ohnehin wirklich und erreichbar nur im Blätterwald der Zeitung. Jeglicher Aktionismus erstickt im weltfremden Redeschwall dilettierender Kadergruppen. Murnaus Wunsch, "an der Unentbehrlichkeit [zu] arbeiten", weicht trauriger Enttäuschung. Ein sterbendes Berlin bietet nurmehr "Denkmäler von etwas, was nicht mehr da war". Dem Gefühl des Mangels entspringt der Plan zum Besuch ferner Städte, Stationen des Durchgangs, deren "vertraute Fremdheit man für Augenblicke genießen" kann. Und der (natürlich scheiternde) Versuch, in zahlreiche Affären sich stürzend Identität zu erlangen: "Nach und nach wandte sich jeder von den kollektiven Träumen der vergangenen Jahre wieder ganz den privaten zu".

In der Folge spielt das Politische bei Schimmang immer weniger eine Rolle. Deutlich wird dies etwa im Roman Carmen (1992), einer modernen Parabel über Eifersucht, Liebesverrat und echte Treue, der durch den Verweis auf Prosper Merimées Vorlage das resignative Ende am Anfang schon mit eingeschrieben ist; dort geraten die Ereignisse um die Wiedervereinigung im "Revolutionsjahr" 1989 klar zur Staffage, deren Weg schließlich "in die Archive führt". Die Erzählung Las Vegas und zurück des Bandes Das Vergnügen der Könige (1989) gar schickt den Geschichtsprofessor Hoffmann in das amerikanische Spielerparadies, wo dieser einen Raum ohne diachronische Perspektive vorzufinden hofft (ein fataler Irrtum, da Hoffmann gleich am ersten Tag in Las Vegas auf jemanden trifft, der hier ein historisches Ortsmuseum errichten will): "Geschichte ist etwas, was unendlich traurig macht". Und im Schönen Vogel Phönix entsteigt ein Zauberwort aus der Asche des Politischen, das wie kein zweites den Mittelpunkt des Schimmangschen Schreibprogramms ausmacht und den Figuren wahres Glück im Privaten verspricht. Intimität heißt dieses Zauberwort; "bedingungslose Intimität".

Dem Einsamen bietet der Stadtraum vor allem im Kino ein Rückzugsfeld, in dem Intimität noch erlebt werden kann. Deshalb gilt das Lichtspielhaus dem Intellektuellen bei Schimmang als "die einzige segensreiche Erfindung des 20. Jahrhunderts". In der schützenden Dunkelheit ist der Einzelne unter Hunderten mit sich und den Bildern allein. (Der Norden leuchtet berichtet vom Traum, "einen Film als einziger Zuschauer in einem großen Kino" zu sehen; in Der schöne Vogel Phönix avanciert "Gehen wir ins Kino" zu Murnaus Lieblingssatz.) Doch auch im Hotelzimmer kann mancher Erzähler zur Ruhe kommen ("Pascal, so dachte ich, würde heute bei seinem bekannten Satz an die Intimität von Hotelzimmern denken") und lesend sich in Metaphern versenken. Die Flucht aus den Archiven, Seminaren und Bibliotheken führt nicht selten in die Literatur zurück. Tatsächlich kann man bei Schimmang des öfteren beobachten, wie eine der Figuren im Zitat "hinter Büchern verschwand, mit ihnen eins wurde, ununterscheidbar". Diese "Heimkehr zu den Wörtern" spielt auch auf Autorenebene eine wichtige Rolle. Negativ macht sich dies - allerdings äußerst selten - in sprachlichem Epigonentum bemerkbar, etwa dort, wo der ansonsten eigene, geradlinig und diszipliniert durchgehaltene Erzählton beispielsweise von Das Ende der Berührbarkeit in den Duktus von Büchners Lenz verfällt oder der Anfang der autoreflexiven Erzählung Laederach (1989) die Kälteprosa Thomas Bernhards imitiert. Ansonsten aber ist die Heimkehr zu den Wörtern Teil eines intellektuellen Spiels, an dessen Entschlüsselung der Leser sich beteiligen soll. Neben Valérys grandiosem Ideenjongleur Herr Teste, auf den die Erzählung Ein Abend mit Monsieur P. (1989) verschlüsselt hinweist, oder Vladimir Nabokovs Humbert Humbert, hinter dessen ungleich imposanterer Gestalt sich Simon Simon, der Archivar aus Carmen, verstecken kann, stellt unter anderem Robert Musils Ulrich einen solchen Bezugspunkt dar. Nicht ohne ironischen Unterton hat Schimmang seinen Politologen in Ein glücklicher Wissenschaftler (1984) nach Ulrichs erstem Namen Anders genannt und als Zuglektüre - durch Anspielungen ist dies dechiffrierbar - den Mann ohne Eigenschaften auf den Schoß gelegt. Denn die Flucht aus der akademischen Karriere in den "anderen Zustand" gelingt dem zweiten Anders nicht. Die Utopie eines gelungenen Lebens verbleibt im Möglichkeitsraum der Lektüre. Dies ist der eigentümliche, nur vorläufig rettende "Zusammenhang von Literatur und Glück".

Mehr noch als die Dichtung aber schafft die bildende Kunst dem Einsamen bei Schimmang eine Form von Vertrautheit, in der er sich geborgen fühlen darf. In diesem Sinn wird der von den Frauen verlassene Vandenberg in Königswege auf seiner Reise nach Amsterdam durch die geheimnisvollen Schönheit des Vermeergemäldes Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge hingerissen. "Sechsundvierzig mal vierzig Zentimeter: Maße der Intimität." Im Zustand einer privat gefärbten Annäherung (der Kunsthistoriker erkennt plötzlich die Ähnlichkeit zwischen dem Perlenohrmädchen und seiner Jugendliebe Karin Lammers) löst sich Unglück auf in interesseloses Wohlgefallen. Neben Hotelzimmer und Kino gewährt vor allem das Museum dem Flüchtenden Asyl - und die Aussicht auf ein Glücksgefühl, das dem der rückhaltlosen Liebe vergleichbar ist.

Nicht von ungefähr versucht die biographische Erzählung Das Leben der Linien von 1989 dem Entstehungsprozeß eines Frauenporträts von Edgar Degas nachzuspüren. Die Verwandlung des Wirklichen in Licht und fließende Bewegung nimmt ersterem das Profane. Und in den Königswegen führt die Aura des Vermeergemäldes Schimmang zum imäginären Entwurf seiner Genese. Die "stumme Zwisprache" mit dem Bild motiviert den Erzähler, das Gesehene nach rückwärts fortzuspinnen. Kunstgeschichtliches Wissen und dichterische Freiheit mischen sich zu einem Phantasiestück, in dem es selbstverständlich wieder um erotische Ausstrahlung geht. Für Vandenberg ist dieser Aspekt im unschuldig-fordernden Mädchenblick des Gemäldes miteingefangen. Und auch in den Königswegen wird durch die geheimnisvolle Transformation erlebter Realität im Kunstwerk - Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge ist für Schimmang "das gewiß rätselhafteste Bild Vermeers" - der Alltag der Alltäglichkeit entrückt (so die Überschrift einer Ausstellungsbesprechung des Autors zur großen Retrospektive des Niederländers in Den Haag 1996). "Mit geschlossenen Augen sah er aus der Erinnerung und erreichte schwindelerregende Genauigkeiten", heißt es dementsprechend in Das Leben der Linien über die Schöpferkraft eines Degas. Diese Aussage über die poetische Macht der Bilder könnte so und nicht anders als Anspruch über Schimmangs Gesamtwerk stehen.

Mit seinem klugen Kolportagekrimi Die Geistesgegenwart hat Schimmang 1990 die Jagd nach Bildern zum auch vordergründigen Thema eines Romans gemacht: Hier ist die Suche nach dem gleichnamigen Gemälde Magrittes, das aus einem Museum gestohlen und durch eine perfekte Fälschung ausgetauscht wurde, ins Zentrum der Handlung gestellt. Bevor aber alle Stränge der nebulösen Geschichte bei der Kunst- und Philosophiestudentin Lucienne Lemaire in der Rue des Pensées in Belgien zusammenlaufen, muß der Detektiv Kleff rast- und ratlos durch das Heimatland des Malers reisen. Dabei gerät der Kriminalroman immer mehr zum Vexierspiel mit den Versatzstücken des Genres und stellt nicht zuletzt auch die philosophische Frage nach den komplexen Fälschungen einer Lebenswelt, die nicht zuletzt die Kunst und sich selbst zitiert. (Es sei eine Tatsache, schreibt Schimmang 1997, daß "wir oft jahrelang der Verwirklichung von Bildern nachjagen, die keineswegs die eigenen sind".) Vor diesen Unzulänglichkeiten aber, so lautet eine Botschaft der Geistesgegenwart, scheint nur der geschützt zu sein, der sich ganz ins Ästhetische zurückzuziehen weiß. Die Begierde des Betrachters, im Gemälde zu verschwinden, sich im kompromißlosen Akt vollkommener Intimität "wirklich in ein Bild zu versenken", wird einmal mehr zum größten Sehnsuchtswunsch. Bezeichnenderweise fehlt im Roman, nachdem das Original des Magritte wieder im Museum hängt, ein weiteres Gemälde: Cy Twomblys Crimes of Passion. Die Jagd nach den Bildern kann also weitergehen.

Natürlich spielt auch in der Geistesgegenwart die Sprache der Liebe eine zentrale Rolle. Doch muß auch Kleff, wie die Figuren Schimmangs oftmals, die Erfahrung machen, daß es in Herzensangelegenheiten wieder einen gab, der schneller war. Nur kurzzeitig darf der Detektiv auf dem Rücken Lucienne Lemaires "langsam südwärts wandern". Danach wird, wie für Jülich in Das Ende der Berührbarkeit, auch für ihn "die Einsamkeit seines Körpers unerträglich". Ausgerechnet mit dem Fälscher des Magritte flieht die Studentin nach Buenos Aires, einen Ort, an dem "übrigens [...] alles Vergangenheit" ist. Zum Abschied von der Geliebten fällt Kleff nur das berühmt-sentimentale Schlußzitat aus Casablanca ein. Dann wirft der Detektiv, dessen Beruf es ist, "in alten Geschichten zu wühlen", den falschen Magritte ins Wasser und wartet, bis das Gemälde langsam untergeht. Der Erinnerung jedoch kann man nicht entrinnen; die Bilder werden immer wieder hochgespült. Sicher ist dies ein Klischee. Aber "den Klischees läßt sich nicht entkommen, dachte Kleff, sie begegnen einem täglich".

(Für einen im Sonntagsblatt abgedruckten Erzählzyklus hat Schimmang seinen Privatdetektiv 1995 neu belebt und im Turnus der Jahreszeiten als Flaneur durch vier europäische Hauptstädte streifen lassen. Dort gerät der Ermittlungsauftrag immer mehr zum Vorwand für das paradoxe Unterfangen, gerade im Planlosen heimisch zu werden. "Im Bereich vergeblicher Suche kennt er sich ausgezeichnet aus, darin ist er zu Hause". Daß die über Amsterdam nach Lissabon führende Exkursion keine Aufklärung der Sachverhalte bringt, stört Kleff wenig, im Gegenteil: "Die Spurensuche verlief dann so, wie er es sich fast gewünscht hatte. Sie verwies auf immer neue Spuren, bevor auch nur im Ansatz etwas Greifbares sichtbar war". Wieder ist alles wie im Kino. In Eine Stadt voller Zeichen erstarrt das herbstliche Paris für den Detektiv einmal zur Metapher seiner selbst und nimmt jene graublaue Nebelfärbung an, die Kleff "aus so vielen Filmen kennt". Die Metropole wird bewohnbar dank jener Bilder, auf die sie sich bereits vor ihrer Erkundung berufen kann. Die Erinnerung ist quasi apriorisch: Sie geht der Erfahrung voraus. "Paris gehört dank des Kinos zusammen mit New York zu den beiden Städten, in denen wir uns schon auskannten, bevor wir zum ersten Mal dort waren", schreibt Schimmang 1996 im Zeitungsaufsatz Provinz ohne Biester, einem nostalgischen Abgesang auf den europäischen Autorenfilm. "Das Kino hat uns überhaupt erst erklärt, was Städte sind".)

Fast schien es so, als seinen Schimmangs Helden in den Königswegen endlich an ihrem Ziel angekommen. Tatsächlich stellt der Autor hier offenbar zwei Modelle geglückten Lebens vor. Vandenbergs verzweifelte Frage, "warum die Frauen nicht bei ihm blieben", scheint durch die Begegnung mit dem matronenhaften Zimmermädchen Grace in Amsterdam jeglichen Sinn zu verlieren. Die Jamaicanerin avanciert zur Allegorie des Eros selbst, in der alle Bilder sich in Realität verwandeln. Während einer Liebesnacht gibt Vandenberg zum ersten Mal ganz sich hin und erfährt im Übertritt in eine andere Welt die gnädige Unendlichkeit des Augenblicks: "dann ist er dankbar, weil er ihr sagen kann, daß er glücklich ist, very very happy. Daß er nun weiß, was Glück ist. Was es sein kann". Im Mittelteil des Erzähltriptychons bietet der Fund eines Geldkoffers dem zweimal verlassenen Archivar Schlesinger die Möglichkeit, aus seinem Alltag und der "ganze[n] Leier der erinnerten Leidenschaft" endgültig auszubrechen. Am Ende einer Motorradreise durch Südfrankreich steht die wiedergefundene Zeit, die ewige Gegenwart der reinen Liebe, die sich in einer Hotelangestellten mit dem bezeichnenden Namen Madelaine verkörpert hat. Aber auch das ist nur eine weitere Geschichte, die nicht das Leben, sondern das Kino schrieb. Die Poesie des Alltags existiert nurmehr in der dichterischen Übersetzung. Und auch die Proustschen Weißdornphantasien Vandenbergs, die der dritte Erzählteil imaginiert, verlieren im ironischen Verlauf der Fabel schließlich jede Kraft. Als der Kunsthistoriker, "Spurensucher und Detektiv seit seinen Studienzeiten", am Morgen nach dem Besuch einer Veranstaltung zur Wahl der "Rhododendronkönigin" erwacht, bleibt ihm als Glücksmoment nur die Gewißheit, bei der Stadthallenfarce wertend mitgemischt zu haben. Und die Überzeugung, "daß eine Frau vielleicht niemals zu erreichen ist".

In Schimmangs aktuellem Roman Ein kurzes Buch über die Liebe (1997) ist denn auch alles wieder beim alten. Zwischen dem Kölner Schriftsteller Wolbeck und der verheirateten Immobilienmaklerin Vera Ruben entspinnt sich ein kühl kalkuliertes Beziehungsexperiment nach festen Regeln ("Verlieb Dich nicht"), eine fast schon mathematische Amour fou, die scheitern muß, als echte Gefühle entstehen. "In diesem Moment weiß ich, daß diese Szene zu denen gehört, an die ich mich später erinnern werde", reflektiert Wolbeck selbst im Moment höchsten Glücks. "Ich weiß, auch wenn alles in mir sich sträubt, daß es eine Zeit geben wird, in der ich mich erinnern werde". Nach einer Reise macht die Leidenschaft plötzlich unüberbrückbarer Entfremdung Platz. "Ich muß Dir was ganz Blödes sagen", empfängt Vera Ruben, die vor kurzem noch wegen Wolbeck ihren Mann hatte verlassen wollen, den Zurückgekehrten: "Die Verliebtheit ist vorbei". Zwischenmenschliche Katastrophen sind zumeist banal. Dem verwundeten "Zeichenleser" Wolbek bleibt nichts anderes, als neuerlich Schutzschilde der Unnahbarkeit um sich aufzurichten. "Der Beginn aller Schrecken ist Liebe", lautet eine der plakativen Weisheiten der Geistesgegenwart. Nach der Logik der Gefühle mündet der Kampf der Geschlechter bei Schimmang neuerlich ins Ende der Berührbarkeit.

So ist Ein kurzes Buch über die Liebe eigentlich das genau beobachtetete Porträt einer flüchtig lodernden Begierde, die im Strudel des Zeitgeists untergeht. Für kurze Zeit wird das Alleinsein Wolbecks trauriger Königsweg: "Die meisten Leute halten Einsamkeit für eine Lebensphase, für eine notwendige Jugendsünde, eine unglückliche Entwicklung im Alter, eine Störung, ein Betriebsunfall, eine Marotte, eine Angelegenheit von ein paar Stunden, Tagen, Monaten, schlimmstenfalls eine Summe von Jahren. Nur die wenigsten wissen, daß sie eine Göttin ist, die ihre Macht von Tag zu Tag vergrößert, bis sie jeden Winkel unseres Lebens in Besitz genommen und unsere Hoffungen und Wünsche nach ihrem Bild geformt hat". Aber das ist sicher nur die halbe Wahrheit. Denn auch die Hoffnung Wolbecks zielt, wie die aller Männer Schimmangs, auf die große Liebe. "Wir gehen ins Kino", lautet der letzte Satz des Romans, "und sehen uns eine schöne kleine Geschichte an, die jeder verstehen kann". Es steht zu vermuten, daß es sich dabei um eine Love-Story mit Happy-End handeln muß.

Daß die Welt der Unglücklichen eine andere ist als die der Glücklichen, wußte schon Ludwig Wittgenstein. "Forget the dead you’ve left, they will not follow you", zitiert Das Ende der Berührbarkeit aus einem Lied Bob Dylans; "Laß die Toten", greift Madeleine den Ratschlag in den Königswegen wieder auf. Gerade dies aber will Schimmangs unbehausten Helden letztlich nicht gelingen. Auch im Unglück sich einzurichten ist ihnen offenbar versagt. So werden sie wohl ewig weiterreisen, ständig auf der Suche, ständig auf der Flucht. Schimmangs Aufgabe aber wird es bleiben, gegen die "zerbrechliche Einrichtung der Welt" anzuschreiben und mit der "Melancholie des Auges" in fortwährender Erinnerungsarbeit die flüchtigen Spuren des Begehrens mit poetischer Exaktheit festzuhalten. Denn das Leben ist immer anderswo. Und die jungen Damen sind schon lange fort.

(© cpw Medien- und Publikationsdienste / Merkur/Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken, 1997)