„Lautlos – Ja, sprachlos –
Nein“ lautet der Titel eines ebenso anrührenden wie informativen Buches über
die Integrationsgeschichte der koreanischen Gastarbeiter in Deutschland. Es
handelt sich um das viel gelobte Erstlingswerk von Martin Hyun.
Roland Detsch sprach mit dem dreißigjährigen
Einwanderersohn, der den wegen ihrer Unauffälligkeit gern übersehenen
Grenzgängern zwischen Korea und Deutschland erstmals eine Stimme verliehen hat
Herr Hyun, Sie gelten als Beispiel dafür, dass
in Deutschland Migrantenkinder doch nicht so chancenlos sind: Ihre
Karriere als Profi in der Deutschen Eishockeyliga , Ihre akademische
Bildung und nicht zuletzt Ihr ehrenamtliches soziales und
politisches Engagement. Würden Sie sich als Vorbild sehen?
Dafür
war mein bisheriges Leben zu unbedeutend und mein gesellschaftlicher
Beitrag zu gering. Wahr ist aber, dass mir nicht so leicht die Türen
geöffnet wurden, weder im Sport, noch bei meiner Ausbildung. Stets
musste ich doppelte Leistung bringen, um zu bestehen. Dass ich nicht
auf der Strecke geblieben bin, verdanke ich meinen Eltern, die ihr
letztes Hemd für meine Karriere gegeben hätten. Und der Universität
St. Michael’s in Vermont, die mir ein Teilstipendium gewährte,
obwohl ich nicht amerikanischer Staatsbürger bin.
Mein Vater hat mir früh gelehrt zu Ende zu
bringen, was man anfängt. Und auch die Bereitschaft zum sozialen
Engagement für diejenigen, denen es nicht so gut geht, haben mir
meine Eltern beigebracht. So habe ich beispielsweise in meiner
Heimatstadt Krefeld mit Freunden ein Mentoring-Projekt ins Leben
gerufen, das Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Perspektiven
aufzeigen soll. Denn Deutschland ist noch immer entfernt, der
wachsenden Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund ausreichend
Chancen zu bieten.
Die koreanische Gemeinde in Deutschland gilt
als Muster für eine gelungene Integration. Woran liegt das?
Das stimmt nur bedingt. Etwa wenn es um
Sprachkompetenz, Bildung und Qualifikation geht: Viele Junge haben
auch den deutschen Pass. Aber das macht sie noch lange nicht zu
anerkannten Deutschen. Die äußerlichen Merkmale der Herkunft lassen
sich bei Asiaten nicht so leicht wegwischen. Ihre
überdurchschnittliche Integration wird Studien zufolge auf angeblich
rege Kontakte mit einheimischen Deutschen zurückgeführt. Worunter
freilich auch die Beziehungen vieler asiatischer Frauen mit
deutschen Männern fallen.
Ich denke, dass man von erfolgreicher
Integration erst bei rundum freien Zugang zu allen Bereichen der
Gesellschaft sprechen kann. Einschließlich Politik und Wirtschaft,
und damit meine ich auch die Spitzen der Parteien und
DAX-Unternehmen. Vielleicht wird ja auch endlich ein Ministerium für
Integration geschaffen und hoffentlich mit qualifizierten
Mitarbeitern mit Migrationshintergrund. Denn bis jetzt ist gerade
dort, wo Integration am heftigsten gefordert wird, von der
propagierten Vielfalt am allerwenigsten zu spüren.
Können sie einmal Hintergründe und Umstände
der weitgehend unbekannten koreanischen Migration nach Deutschland
skizzieren. Was hat beispielsweise Ihre Eltern hierher geführt?
Korea war nach Jahrzehnten japanischer
Besatzung und infolge des Korea-Kriegs verarmt und politisch
instabil. Auf der Suche nach Gastarbeitern für Krankenhäuser und den
Kohlebergbau schloss Deutschland zur Zeit der Militärdiktatur von
Park Chung-hee einen Anwerbevertrag mit Südkorea, der von 1963 bis
1977 rund 20 000 Arbeitsemigranten anlockte, darunter auch viele
arbeitslose Akademiker. Meinem Vater blieb nach dem Tod seines
Vaters im Krieg ein Studium aus Geldmangel verwehrt. So folgte er
nach seinem Ausscheiden aus der Armee dem Aufruf zur Arbeit im
Bergbau nach Deutschland. Der Vater meiner Mutter wurde im Krieg von
den Nordkoreanern, die den Süden seiner Intelligenz berauben
wollten, auf Nimmerwiedersehen deportiert. Und so führte das
konfuzianische Verantwortungsgefühl zur Unterstützung der Familie
meine Mutter als Krankenschwester nach Deutschland, wo sie dann
meinen Vater kennenlernte.
Pflegen Sie selbst eigentlich Verbindungen ins
Heimatland Ihrer Eltern?
Seit 2002 fliege ich regelmäßig dort hin, wo
der Rest der Familie lebt. Irgendwie brauche ich die Hektik, den
Lärm und den Smog Seouls, um meine Batterien wieder aufzuladen. Nach
meiner Zeit als Profisportler habe ich sogar ein Jahr lang dort
gelebt. Ich war Visiting Fellow im koreanischen Parlament und habe
im Gesundheitsministerium gearbeitet. Die Freundschaften von damals
müssen schließlich gepflegt werden.
Haben Asiaten wie die Koreaner hierzulande
unter speziellen Ressentiments zu leiden, und haben Sie persönlich
schon schlechte Erfahrungen machen müssen?
Bis auf die gängigen Stereotypen kaum.
Abgesehen davon, dass bei Bewerbungen für öffentliche Ämter schon
mal meine Loyalität zu Deutschland in Frage gestellt und mögliche
Interessenkonflikte thematisiert wurden. Ich spiele dabei auf meine
Vorstellungsgespräche für einen UN-Posten für Sport und Entwicklung
und für den Deutschen Olympischen Sportbund an. Aber Erfahrungen wie
in Rostock, wo unter Beifall ein vietnamesisches Flüchtlingsheim
niedergebrannt wurde, blieben mir erspart. Dennoch arbeiten vor
allem hoch qualifizierte Deutsch-Koreaner hierzulande nicht umsonst
entweder für koreanische Unternehmen oder wandern nach Korea aus.
Sie haben gar keine andere Wahl.
Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, Ihr Buch
zu schreiben?
Ich wollte in erster Linie den
Deutsch-Koreanern die ihr gebührende Aufmerksamkeit verschaffen.
Bezeichnenderweise war erst Druck nötig, damit auch Koreaner zur
Teilnahme am dritten Integrationsgipfel eingeladen wurden, nachdem
man sie zuvor zweimal schlicht vergessen hatte. Ansonsten wollte ich
zeigen, dass Integration Aufopferungsbereitschaft erfordert und dass
es auch Deutsch-Koreaner gibt, die in diesem Land Verantwortung
übernehmen und mitgestalten wollen. Zurzeit arbeite ich übrigens an
meinem zweiten Buch. Es soll den bezeichnenden Titel Machtlos –
Ja, Wahllos – Nein tragen.
Martin Jong-Bum Hyun, Jahrgang 1979, studierte
nach einer Profikarriere in der Deutschen Eishockey Liga (DEL)
Politische Wissenschaften in den USA und Belgien. Neben seiner
Promotion zum Thema Arbeitsmigration engagiert er sich für
zahlreiche Migrantenorganisationen und -projekte, u. a. den
Europäischen Interkulturellen Dialog, das Leadership-Programm der
Bertelsmann-Stiftung für Führungskräfte aus
Migrantenselbstorganisationen oder das Forum Demographischer
Wandel des Bundespräsidenten.
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