Nicht nur die jüngsten
Enthüllungsskandale auf WikiLeaks haben gezeigt, dass totale Geheimhaltung im
Internetzeitalter schwer möglich ist. Weder das am Schutz der Privatsphäre
interessierte Individuum noch der nach Räson strebende Staat können sich mehr
sicher sein, dass sich nicht irgendwo ein „Leck“ auftut. Über die Problematik
dieser Entwicklung für die bürgerliche Öffentlichkeit sprach
Roland
Detsch mit dem Politikwissenschaftler
Herfried Münkler.
Herr Prof. Münkler, Ihrer Meinung nach haben
die westlichen Demokratien in ihrer Sorge um die Transparenz des
Politischen das Wissen um den Nutzen von Geheimhaltung und Geheimnis
verloren. Dies ist für Sie ein sicheres Indiz für Entpolitisierung.
Wie meinen Sie das?
Bemerkenswert ist, dass trotz dieser
allgemeinen Transparenz nach wie vor die Verschwörungstheorien
blühen. Das heißt, die damit verbundene Erwartung eines allgemeinen
Rationalitätsschubs qua Transparenz in der öffentlichen Diskussion
ist nicht eingetreten. So stehen die Verschwörungstheorien rund um
den 11. September in einer Linie mit den Klassikern aus dem 19.
Jahrhundert, als noch ganz andere Bedingungen der Geheimhaltung
herrschten. Die Enthüllung von Staatsgeheimnissen bedeutet einen
Verlust der strategischen Handlungsfähigkeit, die ganz zweifellos an
die Fähigkeit zur Geheimhaltung gebunden ist.
Wer die Fähigkeit zum Geheimnis verloren hat,
hat die Fähigkeit zum politischen Kampf verloren. Das ist nicht
schlimm, wenn es keine Kämpfer mehr gibt. Aber solange sich in der
politischen Arena nicht nur freundliche Administratoren treffen, die
alles über sich gerne preisgeben, sondern Akteure darunter sind, die
das Geheimnis für die Akkumulation von Macht kapitalisieren, sind
diejenigen schlecht dran, die nicht geheimnisfähig sind.
Sie haben in diesem Zusammenhang einmal von
„Visibilitätsreserve“ gesprochen.
Genau, man muss sich das vorstellen wie beim
Kartenspielen, wenn man noch etwas in der Hinterhand behält, mit dem
man den Gegner überraschen kann. Wer keine Visibilitätsreserve hat,
hat im Prinzip die Möglichkeit zu strategischem Agieren verloren. Er
kann nur noch reagieren.
Nun gehen wir einmal weg von der Außenpolitik.
In einer repräsentativen Demokratie gilt „Arkanpolitik“ – nach
Machiavelli ursprünglich die Bezeichnung von Staatsgeheimnissen und
der Geheimhaltung legislativer Entscheidungen als Teil der
Staatsräson zum Schutz der Republik – als Vorstufe zur Unterbindung
der öffentlichen Meinungsbildung und insofern autoritäre Bestrebung.
Auch in unserer Verfassung gibt es eine
Pflicht zur Wahrung von Geheimnissen. Die Väter und Mütter des
Grundgesetzes hatten durchaus nicht im Sinn, dass alles, was die
Parlamentarier als Volksvertreter erfahren, gleich – wie es so schön
im Deutschen heißt – „zu Markte getragen“ und dort verbreitet werden
muss. Ihre Aufgabe ist es vielmehr zu kontrollieren, dass die
politisch Verantwortlichen auch verantwortungsvoll mit Geheimnissen
umgehen und wo sie mit Blick auf die Konkurrenz eine Politik der
Geheimhaltung betreiben, dies im Sinne der rechtlichen Bestimmungen
geschieht.
Grundsätzlich besteht eine der Zumutungen der
repräsentativen Demokratie in einem institutionellen
Vertrauensvorschuss in den Volksvertreter, unterscheiden zu können,
was ein zu wahrendes Geheimnis ist, und eines, das für sich zu
behalten eine Täuschung des Volkes darstellen würde. Und das ist ein
Vertrauen, das sinnvollerweise gegenüber meinen gewählten Vertretern
größer sein sollte als gegenüber irgendwelchen Organisationen wie
WikiLeaks, die sich letzten Endes auf Märkten bewegen.
Ich glaube nicht, dass Demokratie darin
besteht, dass das Volk über alles detailliert Bescheid wissen und
über alles mitreden muss, weil ja ohnehin klar ist – und gerade die
WikiLeaks-Veröffentlichungen haben dies gezeigt –, dass es dazu
angesichts der Fülle an Informationen einer interpretatorischen
Kompetenz bedarf, die den Bürger völlig überfordert. Es besteht eine
Differenz zwischen dem möglichen Wissen und unserer Fähigkeit, mit
diesem Wissen umzugehen. Sehr viel entscheidender ist, dass wir
Vertrauen in das dazu notwendige Filtersystem haben können, also
letzten Endes in unsere Journalisten und ihr
Verantwortungsbewusstsein.
Nun handelt es sich ja bei WikiLeaks ja um
eine jener neuen unbegrenzten Publikationsmöglichkeiten, die das Web
2.0 eröffnet hat. Laut Hannah Arendt bedeutet Politik auch, durch
Kommunikation im öffentlichen Raum
eine gemeinsame Welt der Bürger
entstehen zu lassen, an der nicht alle teilnehmen müssen, an der
aber alle teilnehmen können. Das würde bedeuten, dass die
Kommunikation im „öffentlichen Raum“ des Web 2.0 ebenfalls politisch
wäre, weil dort Informationen für jedermann frei zugänglich und
diskutierbar sind. Würden Sie das so unterschreiben?
Das ist wirklich ein ganz heikler Punkt. Also
mir ist da der Satz von Kant, „Alles was man sagt, muss wahr sein,
aber nicht alles, was wahr ist, muss man sagen“ in diesem
Zusammenhang eigentlich der sympathischere als die Vorstellung eines
Raumes, in dem man tendenziell alles erfahren kann, wenn man nur
will. Das bedeutet eine Privilegierung derer, die entweder unendlich
viel Zeit haben, die sie in das Inerfahrungbringen investieren
können, oder aber so viel Geld, dass sie Leute damit beschäftigen
können. Ich glaube nicht, dass der Aufbau von Informationsmärkten,
die unendlich groß sind, zu einem Kompetenzzugewinn des Bürgers
führt, weil der sich darin eigentlich nur verirrt. Information muss
in Gestalt einer Zeitung oder einer guten Nachrichtensendung
zeitlich begrenzt handhabbar bleiben.
Wenn man von Medien als „vierter Gewalt“
gesprochen hat, dann auch in ihrer Funktion als Organisatoren des
öffentlichen Misstrauens. Eine politische Ordnung, die im Prinzip
diejenigen privilegiert, die den ganzen Tag surfen, ist keine, die
auf Dauer Legitimität generiert, weil sie sozusagen eine Oligarchie
von „Eingeweihten“ hervorbringt. Und das, würde ich sagen,
untergräbt eigentlich die Egalitätsfiktionen einer demokratischen
Ordnung. Das ist keine besonders Vertrauen erweckend Entwicklung,
die wir hier beobachten. Und WikiLeaks stellt nur ein weiteres
Symptom des Verfalls dar.
Herfried Münkler, Jahrgang 1951, studierte
Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Frankfurt am
Main. Nach seiner Promotion über Niccolò Machiavelli habilitierte
er sich 1987 mit einer Arbeit zur Staatsräson als Politologe. 1992
übernahm er den Lehrstuhl für Theorie der Politik am Fachbereich
Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin und folgte
u.a. einem Ruf an die neu konstituierte Berlin-Brandenburgische
Akademie der Wissenschaften.
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