Aufklärung

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” So lautet der Wahlspruch der Aufklärung nach den Worten des großen deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724-1804). Der Begriff „Aufklärung” kann leicht zu Missverständnissen führen, denn er taucht in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auf. Von Aufklärung ist überall dort die Rede, wo es um die Klärung unklarer Sachverhalte geht. So werden beispielsweise Verbrechen aufgeklärt oder auch junge Menschen im Sexualkundeunterricht über die Umstände der Geschlechterbeziehung und der Fortpflanzung. Was uns jedoch hier interessiert, ist eine Epoche in der Geistesgeschichte, die den Namen Aufklärung trägt. Und zwar deshalb, weil sich Wissenschaftler und Philosophen bemühten, die Menschen, die vollkommen im Glauben verhaftet waren, zum richtigen Gebrauch ihres Verstandes, zur Vernunft anzuregen.

LICHT INS DUNKEL DES LEBENS

Im Englischen wird das Zeitalter der Aufklärung als Age of Enlightment („Zeitalter der Erleuchtung”) und im Französischen als Siècle des lumières („Jahrhundert der Lichter”) bezeichnet. Und diese Begriffe sind eigentlich treffender, handelte es sich doch um eine Geistesströmung, die die Menschen sozusagen aus der Dunkelheit jahrhundertelanger Unwissenheit in das Licht der Wahrheit führen wollte. Licht ins Dunkel des Lebens zu bringen, das war das Ziel von Kant und seinen Mitstreitern in ganz Europa, z. B. von John Locke (1632-1704) in England, David Hume (1711-1776) in Schottland oder Voltaire (1694-1778), Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Charles de Secondat Montesquieu (1689-1755) und Denis Diderot (1713-1784) in Frankreich.

Wiedergeburt der Philosophie
 
Im Mittelalter führte die Philosophie, wie wir sie heute verstehen, ein Schattendasein. Denn die mächtige Kirche duldete kein Denken, das unabhängig war von den christlichen Glaubenssätzen, wie sie durch die Bibel überliefert sind. Erst in der Renaissance konnten sich die Philosophen allmählich davon lösen. Als Renaissance bezeichnet man heute den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Das Wort kommt aus dem Französischen und heißt 'Wiedergeburt'. Damals gehörte noch viel Mut dazu, an den Vorschriften und Regeln von Kirche und Staat zu zweifeln!
 

GLAUBE UND MACHT

Alles begann damit, dass einige Gelehrte dahinter kamen, dass einiges von dem, was die Kirche seit Jahrhunderten als absolute Wahrheiten verbreitete, gar nicht der Wirklichkeit entsprach. So erregte es etwa großes Aufsehen, als der Naturforscher Galileo Galilei (1564-1642) erkannte, dass sich die Planeten um die Sonne drehen und nicht um die Erde, die bis dahin als Mittelpunkt des Universums hingestellt wurde. Die katholische Kirche, die noch sehr große Macht ausübte, fürchtete um ihre Stellung, falls Entdeckungen wie diese die Menschen an den „Wahrheiten” der Kirche zweifeln lassen würden. Deshalb zwang sie 1633 Galilei, seinen Beobachtungen als Irrtümern abzuschwören.

Auf Dauer konnte die Wahrheit mit solchen Maßnahmen natürlich nicht unterdrückt werden. Und so kam es, dass eine immer größere Zahl von Wissenschaftlern ohne Rücksicht auf Glaubens-„Wahrheiten” forschte. Dabei stießen sie auf immer mehr Ungereimtheiten. So begannen sie allmählich alles anzuzweifeln und erklärten den Verstand (lateinisch ratio) zur alleinigen Richtschnur bei ihren Untersuchungen. Diese streng wissenschaftliche Geisteshaltung nennt man Rationalismus.

Die „ratio” erklärt's!
 
Die Anhänger des Rationalismus leugneten nicht unbedingt die Existenz Gottes. Doch sie waren überzeugt, dass die Natur vom Schöpfer logisch aufgebaut sei und gesetzmäßig funktioniere. Der Mensch müsse nur seinen Verstand richtig gebrauchen, um die Naturgesetze zu erkennen und die Natur als einen Mechanismus zu beherrschen.
 

NATÜRLICHE RECHTE DES MENSCHEN

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Gelehrte auch anfingen, die bestehende Gesellschaftsordnung und den Staat in Frage zu stellen. Schließlich hatte die Kirche auch in dieser Beziehung seit Jahrhunderten die Verhältnisse als gottgegeben hingestellt. Doch Philosophen wie der Engländer John Locke wollten nicht mehr daran glauben, dass die Stellung des Menschen in der Gesellschaft von Gott vorherbestimmt sei. Sie erklärten vielmehr, dass die Menschen im Naturzustand alle gleich und mit gleichen Rechten ausgestattet waren, vor allem mit dem Recht auf Leben, auf Freiheit und auf Eigentum. Und dasselbe forderten sie auch für den Menschen, der mit anderen in einem Staat zusammenlebte. Denn der Staat sei das Ergebnis eines freiwilligen Gesellschaftsvertrages zwischen freien Menschen. Sie hätten ihn geschlossen, um in Frieden und Sicherheit leben zu können und nicht um ihre Rechte aufzugeben. Die Rechte, die jedem Menschen von Geburt an gleichermaßen zukommen, die Menschenrechte also, sind in der Natur des Menschen begründet und damit ein von menschlicher Rechtssetzung unabhängiges Recht. Man spricht daher von Naturrecht.

FREIHEIT – GLEICHHEIT – GERECHTIGKEIT

Die Denker der Aufklärung hielten nichts von allmächtigen Herrschern und sprachen die Hoheit im Staat allein dem Volk zu. Sie erklärten schließlich offen die Willkürherrschaft der Könige und Fürsten und die Unterdrückung ihrer Untertanen für unrechtmäßig. Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Bürger lautete ihr Glaubensbekenntnis. Sie forderten die Beteiligung aller Bürger an der Regierung ein, das Recht der Menschen auf Selbstbestimmung und die Anerkennung der naturgegebenen Menschenrechte. Damit legten sie die geistigen Grundlagen für die moderne Demokratie. Solche Ansichten fanden beim rechtlosen Volk großen Anklang. Als die Obrigkeit keine Anstalten machte, ihm freiwillig seine natürlichen Rechte zu gewähren, holte sich das Volk sie schließlich mit Gewalt. Den Auftakt bildeten der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1776 (auch als Amerikanische Revolution bezeichnet) und die Französische Revolution von 1789.

Amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776
 
Die wichtigsten Ideen und Forderungen der Aufklärer sind in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 beispielhaft zusammengefasst:
'Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass es das Recht des Volkes ist, eine Regierung zu ändern, abzuschaffen oder zu ersetzen, wenn sie sich für diese Zwecke als schädlich erweist.'
 

AUFGEKLÄRTE HERRSCHER

Die Ideen der Aufklärung hatten auch unmittelbare Auswirkungen auf manche Herrschenden. Absolutistische Herrscher wie etwa Friedrich II. von Preußen oder – in Maßen – Maria Theresia und Katharina die Große zeigten sich unter dem Einfluss der Aufklärung reformfreudig. Zwar waren in ihren Ländern die Menschen noch lange nicht gleichberechtigt und frei, und Unterdrückung gab es weiterhin. Aber sie bemühten sich um ein wenig mehr Gerechtigkeit und kümmerten sich um ihr Volk. Die Aufklärung brachte außerdem das Ende der abergläubischen Hexenverfolgung mit sich, die Abschaffung von Folter und Todesstrafe, Religionsfreiheit und vor allem die Verweltlichung des Staats (Säkularisation).

Aufgeklärte Wirtschaft
 
Eine Reihe von Denkern übertrug die Ideen der Aufklärung auf das Wirtschaftsleben. Der Franzose François Quesnay (1694-1774) begründete beispielsweise eine physiokratische Volkswirtschaftslehre (von griechisch physis: „Natur”). Die Physiokraten bekämpften das herrschende merkantilistische Wirtschaftssystem. Sie forderten die Rückbesinnung auf die bäuerliche Landwirtschaft, die sie als eigentliche Quelle des nationalen Wohlstandes betrachteten. Für den Schotten Adam Smith (1723-1790) bedeutete die Möglichkeit, ungehindert seine wirtschaftlichen Ziele verfolgen zu können, höchste Freiheit. Mit seinen Lehren von der freien Marktwirtschaft und dem Freihandel wurde er zum Vordenker des Wirtschaftsliberalismus.
 

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch

 

(© cpw, 2007)