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Berliner Mauer
Am Sonntag, dem 13.
August 1961, kurz nach Mitternacht fiel das Startsignal für die
„Operation Chinesische Mauer”. 25 000 schwer bewaffnete
Volkspolizisten und Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR
schwärmten entlang der Sektorengrenze zwischen Ost- und Westberlin aus
und bezogen im Abstand von zwei Metern Stellung. Binnen Stunden
riegelten sie 74 Grenzübergänge mit Stacheldrahtverhauen ab und
errichteten Panzersperren aus Betonpfeilern. Fassungslos standen sich
in den frühen Morgenstunden West- und Ostberliner hüben und drüben
gegenüber, als Arbeiter das Straßenpflaster aufrissen und Asphalt und
Pflastersteine zu Barrikaden aufstapelten. Uniformierte hielten die
Schaulustigen im Osten mit Maschinengewehren in Schach. Die U- und
S-Bahnen, die normalerweise zwischen Ost und West verkehrten, blieben
in den Depots. Wenige Tage später, in der Nacht vom 17. zum 18.
August, begannen Bautrupps der DDR, die provisorischen Sperranlagen
durch eine meterhohe Mauer zu ersetzen. Erschütternde Szenen spielten
sich in diesen Tagen entlang der Sektorengrenze ab. Ohne Vorwarnung
waren Zehntausende von ihren Freunden, Verwandten und Arbeitsplätzen
abgeschnitten. Bereits am 24. August 1961 wurde der erste Flüchtling
von DDR-Grenzwächtern erschossen: Günter Litfin, 24 Jahre, von Beruf
Schneider.
HÖHEPUNKT DER BERLINKRISE
Der Bau der Berliner
Mauer wurde auf Befehl des DDR-Staatschefs Walter Ulbricht unter
höchster Geheimhaltungsstufe vom zuständigen Sekretär für
Sicherheitsfragen, Erich Honecker, organisiert. Der Mauerbau bildete
den Höhepunkt der seit fast drei Jahren schwelenden Berlinkrise. Sie
begann 1958 mit der nachdrücklichen Aufforderung des sowjetischen
Staatschefs Nikita Chruschtschow an die drei Westalliierten (USA,
Großbritannien und Frankreich), binnen sechs Monaten ihre Truppen aus
ihren Sektoren zurückzuziehen und Westberlin zu einer selbständigen
„Freien Stadt” zu machen. Die Westmächte befürchteten, dass eine Freie
Stadt Westberlin auf Dauer nicht vor dem sowjetischen Zugriff sicher
wäre, und lehnten die Aufforderung ab. So wurden die offenen Grenzen
nach Westberlin für die DDR ein zunehmend brennendes Problem.
DIE DDR „BLUTET AUS”
Dazu muss man wissen,
dass Deutschland nach der Niederlage im 2. Weltkrieg von den
Siegermächten (Alliierten) in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden
war. Die Hauptstadt Berlin wurde unter die gemeinsame Verwaltung der
vier Alliierten gestellt und ebenfalls in vier Sektoren geteilt. Wegen
weltanschaulicher und machtpolitischer Gegensätze zwischen den drei
Westalliierten und der Sowjetunion war es schließlich 1949 zur Teilung
Deutschlands in zwei Staaten gekommen. Aus den drei westlichen
Besatzungszonen war die freiheitlich-demokratische Bundesrepublik
Deutschland entstanden, aus der sowjetisch besetzten Zone die Deutsche
Demokratische Republik (DDR).
Da die DDR eine
unfreie, sozialistische Diktatur war, die von der Sowjetunion
„ferngesteuert” wurde, setzten sich die DDR-Bürger massenhaft in das
freie Westdeutschland ab. Zwischen 1949 und 1961 flohen mehr als 2,5
Millionen DDR-Bürger in den Westen. Die Hälfte davon waren gut
ausgebildete Arbeiter und Akademiker, die man in der DDR dringend zum
Aufbau einer leistungsfähigen Wirtschaft benötigt hätte. Auch viele
Bauern flohen, da sie durch die rücksichtslosen Sozialisierungen
(Vergesellschaftungen, Verstaatlichungen), wie sie im Sozialismus
üblich sind, ihr gesamtes Eigentum verloren hatten.
LETZTES SCHLUPFLOCH IN DEN WESTEN
Die Grenze zwischen
der DDR und der Bundesrepublik war knapp 1 400 Kilometer lang – Da gab
es genug Möglichkeiten zur Flucht. Ab 1952 ließ daher die DDR-Führung
die Grenze zur Bundesrepublik durch eine fünf Kilometer breite
Sperrzone sichern. Ein Entkommen war von da an fast nur noch über
Westberlin möglich, das mitten in der DDR lag. Da Westberlin nach wie
vor unter Kontrolle der Westalliierten stand, bedeutete der Übertritt
in den Westteil der Stadt bereits Freiheit. Zudem war es jederzeit
möglich, von einem der drei Flughäfen Westberlins in die
Bundesrepublik oder sonst wohin zu fliegen. Als Hunderttausende
DDR-Bürger von diesem Ausweg Gebrauch machten, sah sich die
DDR-Führung zu Gegenmaßnahmen gezwungen.
TORSCHLUSSPANIK
Am 5. August 1961 gab
der sowjetische Staatschef Chruschtschow dem Drängen Walter Ulbrichts
nach durchgreifenden Maßnahmen nach. Im Radio sprach er von der
Notwendigkeit, das „bequeme Schlupfloch” nach Westberlin zu stopfen.
Diese Ankündigung löste unter den Ostdeutschen Torschlusspanik aus.
Zehntausende ließen in den folgenden Tagen ihr Hab und Gut im Stich
und suchten ihr Heil in der Flucht. Allein am letzten Tag vor dem
Mauerbau wälzte sich noch ein Flüchtlingsstrom von mehr als 4 000
DDR-Bürgern über die Sektorengrenze nach Westberlin. Es waren die
Letzten, für die dies in den nächsten 28 Jahren bis zum Zusammenbruch
der DDR ohne Gefahr für Leib und Leben möglich war.
Das Passierscheinabkommen
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| Nach 28 Monaten völliger Trennung war es erst
zur Jahreswende 1963/64 durch das Passierscheinabkommen wieder
möglich, nach Ostberlin zu reisen. Hunderttausende nahmen
während der wenigen Tage, für die das Abkommen galt, die
Gelegenheit wahr, um Freunde und Verwandte im Osten zu besuchen.
Für die Zeit bis Mitte 1966 konnten weitere sieben solche
„Besuchszeiträume” vereinbart werden. Dazwischen waren nur
Besuche in „dringenden Familienangelegenheiten” möglich. |
SYMBOL DES KALTEN KRIEGES
Die Berliner Mauer
zementierte die politische Spaltung Deutschlands und Europas. Sie
wurde zum weltweiten Symbol für den Kalten Krieg, der den Globus in
zwei verfeindete Lager spaltete: in ein westliches unter der Führung
der Supermacht USA und in ein östliches unter der Führung der
Supermacht Sowjetunion. Und sie war der zu Stein gewordene Bankrott
einer Diktatur, die ihr Überleben nur durch Einmauerung eines ganzen
Volkes zu sichern vermochte. Um dieser traurigen Wahrheit nicht ins
Auge sehen zu müssen, belogen sich die Machthaber selbst, indem sie
das monströse Bauwerk als „antifaschistischen Schutzwall” – so die
DDR-Sprachregelung – hinstellten.
Da der Mauerbau den
völkerrechtlichen Zustand Berlins nicht veränderte, hielten sich die
Westmächte zurück und betrachteten den Vorgang als eine
„innersowjetische Angelegenheit”. Um die angespannte Lage nicht zu
verschärfen, beschränkte sich auch die Bundesregierung nur auf
Proteste. Bundeskanzler Konrad Adenauer blieb in Bonn und ließ sich
erst am 22. August 1961 in Berlin blicken. Dies brachte ihm viel
Kritik ein und kostete seine Partei, die CDU, bei den Bundestagswahlen
wenig später Stimmen.
„Ich bin ein Berliner”
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| Die USA entsandten als Antwort auf den Bau der
Berliner Mauer 1 500 Soldaten nach Westberlin; ansonsten übten
sich die drei Westalliierten in Zurückhaltung. Knapp zwei Jahre
später, im Juni 1963, besuchte US-Präsident John F. Kennedy
Westberlin und versicherte der Stadt die Unterstützung durch die
USA. Seine Solidarität mit der geteilten Stadt bekundete er mit
dem berühmten Satz: „Ich bin ein Berliner.” |
UNBÄNDIGER FREIHEITSDRANG
Dass sich die
Menschen davon nicht hinters Licht führen ließen, beweisen die
verzweifelten Versuche, trotz Schießbefehls der Gefangenschaft in der
DDR zu entrinnen und die Flucht in den Westen zu wagen. Mindestens 60
000 Fälle von „Republikflucht”, wie dies in der Sprache der DDR hieß,
oder „Vorbereitung zur Republikflucht” sind bekannt geworden.
„Republikflucht” war in der DDR mit hohen Gefängnisstrafen bedroht.
Insgesamt gelang 5 075 Menschen die Flucht über die Mauer. Den meisten
von ihnen in den ersten Monaten, als die Anlage noch nicht so perfekt
war.
DIE MAUER WÄCHST
Die Grenzbefestigung
verlief mitten durch das Stadtzentrum und führte um ganz Westberlin
herum. Zwölf Kilometer der Befestigung bestanden ursprünglich aus
gemauerten Betonsteinen und 137 Kilometer aus Stacheldraht. Zur
Überwachung waren 116 Beobachtungstürme errichtet worden, davon 32 in
der Innenstadt. Im Laufe der nächsten Jahre wurde die Berliner Mauer
mit 3,60 Meter hohen Betonplattenelementen ausgebaut und 1964 durch
einen zweiten Mauerring verstärkt. Sie schnitt insgesamt 192 Straßen
ab, die von Westberlin in den Ostteil der Stadt oder ins Umland
führten. Sie durchtrennte drei Autobahnen und unterbrach acht S-Bahn-
und vier U-Bahn-Linien. Wo sie Flüsse und Seen querte, bestand sie aus
Metallgitterzäunen, die auch unterhalb der Wasseroberfläche verliefen
und rund um die Uhr von Schnellbooten der DDR-Grenzpatrouille
überwacht wurden. Insgesamt viermal wurden Veränderungen an dem Wall
vorgenommen, bis er 1979 seine endgültige Form erreicht hatte.
Ab 1961 wurde auch
die Grenze der DDR zur Bundesrepublik zu einer nahezu unüberwindlichen
Befestigung ausgebaut: Es wurden elektrisch geladene Metallzäune
errichtet, Hindernisse aus Stacheldraht, Hunderte von Wachtürmen, es
gab einen „Todesstreifen” mit Minen und Selbstschussanlagen, und an
manchen Stellen wurden auch meterhohe Betonmauern gebaut.
FLUCHTGESCHICHTEN
Die Berliner Mauer
war während ihres 28-jährigen Bestehens immer wieder Schauplatz
spektakulärer Fluchtaktionen. Schon Ende August 1961 entkamen über 100
Personen in der Berliner Gleimstraße durch einen Gully und die
Abwasserkanäle. Danach wurden die Kanäle vergittert und mit
Alarmdrähten gesichert. Allein im ersten Jahr durchbrachen 14
Lastkraftwagen die noch schwachen Grenzanlagen, einmal sogar ein Zug,
der mit 24 Flüchtlingen besetzt war. Im Juni 1962 überwältigten 14
Ostberliner den Kapitän eines Schiffes, nachdem sie ihn betrunken
gemacht hatten, und überquerten im Kugelhagel die Spree.
Eine beliebte und oft
erfolgreiche Methode war die Flucht im Untergrund unter der Mauer
hindurch. So setzten sich bereits Ende September 1961 24 Ostberliner
durch einen Stollen ab, den Westberliner Studenten bis unter eine
Grabplatte auf dem Städtischen Friedhof in Berlin-Pankow geschaufelt
hatten. In der Nacht zum 24. Januar 1962 entkamen 27 DDR-Bürger durch
einen 60 Zentimeter breiten und 1,10 Meter hohen Tunnel, den ein
Ehepaar unter der Oranienburger Chaussee im Norden Berlins gegraben
hatte. Die aufsehenerregendste Tunnelflucht gelang 57 Ostberlinern im
Oktober 1964. In siebenmonatiger Arbeit hatten sie in 13 Metern Tiefe
unter einem Hinterhausklosett in der Strelitzer Straße einen 145 Meter
langen und 70 Zentimeter hohen Stollen ausgehoben, der unter der Mauer
hindurch bis zu einer Westberliner Bäckerei in der Bernauer Straße
führte.
Den Umstand, dass
Fahrzeuge der Alliierten laut Vier-Mächte-Abkommen ohne Kontrollen
beliebig die Sektorengrenze passieren durften, machten sich im
Frühjahr 1962 drei Freunde aus Westberlin zunutze. Mit selbst
geschneiderten Uniformen sowjetischer Offiziere brachten sie eine
junge Frau, versteckt in ihrem Wagen, über den amerikanischen
Checkpoint Charlie in die Freiheit. Eine zirkusreife Nummer bot eine
Familie, die in der Nacht zum 29. Juli 1965 an einem Seil über die
Mauer schwebte; die Flüchtlinge hatten das Seil zuvor von einem
Hausdach aus ihren Verwandten auf der Westseite zugeworfen.
DIE „MAUERTOTEN”
Nicht immer
verliefen die Fluchtversuche unblutig. Denn für die Verhinderung von
Republikflucht durch Vollzug des Schießbefehls konnten die eifrigen
DDR-Grenzsoldaten mit einigen Vorteilen rechnen: mit einer
persönlichen Belobigung durch den Minister für Staatssicherheit,
Sonderurlaub in einem Ferienheim an der Ostsee, der Beförderung oder
einer Geldprämie. Im April 1964 raste ein 19-jähriger Unteroffizier
der Nationalen Volksarmee mit einem sowjetischen Schützenpanzer in die
Mauer und blieb stecken. Beim Aussteigen traf ihn der Schuss eines
Grenzpostens in die Lunge. Schwer verletzt gelang es ihm dennoch, die
Motorhaube zu besteigen und sich über die Mauer auf Westberliner
Gebiet zu wälzen. Er überlebte.
Doch mindestens 239
Menschen bezahlten ihren Drang nach Freiheit an der Berliner Mauer mit
dem Tod. Einer der erschütterndsten Fälle war wohl der Tod des jungen
Peter Fechter, der 1962 bei seinem Fluchtversuch ohne Vorwarnung
angeschossen und fast eine Stunde lang verblutend am Fuß der Mauer
lag, ohne dass ihm jemand zu Hilfe kam. Als Letzter fiel am 6. Februar
1989 der junge Chris Geuffory dem Schießbefehl zum Opfer. Der
allerletzte Mauertote war Winfried Freudenberg, der am 8. Mai 1989 mit
seinem selbst gebauten Ballon in Berlin-Zehlendorf abstürzte.
Für Kinder und
Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch
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