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Erich Honecker
Fast 20 Jahre lang
regierte er die DDR, als wäre sie sein Eigentum. „Mir ist nie klar
geworden, wie dieser mittelmäßige Mann sich an der Spitze des
Politbüros so lange hat halten können”, lästerte der frühere
Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal über seinen einstigen Gegenspieler
Erich Honecker. Doch damit war er nicht der Einzige, der den
mausgrauen Staatschef im anderen Deutschland unterschätzte. Honecker
gehörte sicherlich nicht zu den Klügsten, hatte eine schlichte
Weltsicht und war alles andere als eine mitreißende Persönlichkeit.
Doch er verfügte über einen ungeheuren Willen zur Macht.
JUNGKOMMUNIST
Erich Honecker wurde
am 25. August 1912 als Sohn eines Bergarbeiters in Neunkirchen an der
Saar geboren. Das Leben in dieser Industrieregion wurde von mächtigen
Großunternehmern bestimmt. Und so war es für einen Arbeitersohn wie
Erich ganz selbstverständlich, schon von klein auf in die politischen
Organisationen der Arbeiterbewegung hineinzuwachsen: Er war Mitglied
zuerst im kommunistischen Kinder-, dann im Jugendverband und trat
schließlich der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Dort
wurde er hauptberuflicher Parteifunktionär, und die Partei schickte
ihn sogar auf die Partei-Hochschule in Moskau – eine ganz besondere
Auszeichnung. Seine Dachdeckerlehre hatte er da schon lange
abgebrochen. Zurück aus Moskau, stieg Honecker 1931 zum Leiter des
Jugendverbandes der KPD auf.
WIDERSTÄNDLER IM DRITTEN REICH
Nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 ging
Honecker wie die meisten Kommunisten – wenn sie nicht auswanderten –
in den Widerstand. Fortan war er in Süddeutschland für die Aktionen
des kommunistischen Widerstands gegen das nationalsozialistische
Regime verantwortlich. Aber 1935 wurde er in Berlin verhaftet und 1937
zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
AUFBAU DES SOZIALISMUS
In den letzten Tagen
des 2. Weltkrieges wurde Erich Honecker 1945 aus dem Zuchthaus
befreit. Er schloss sich der Gruppe um den Kommunisten Walter Ulbricht
an. Ulbricht hatte seit einigen Jahren im Exil in Moskau gelebt und
war dort zum führenden Kopf der Exil-KPD geworden und zum Vertrauten
des sowjetischen Machthabers Jossif Stalin. Nun, bei Kriegsende,
hatten Ulbricht und seine Gruppe von Stalin den Auftrag erhalten, das
politische Leben in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in
Ostdeutschland neu zu organisieren. Honecker wurde mit dem Aufbau der
Freien Deutschen Jugend (FDJ) betraut. Die FDJ war die einzige
erlaubte Jugendorganisation in der SBZ bzw. später der DDR. Die
Mitgliedschaft darin war zwar freiwillig; aber wer nicht Mitglied war,
musste mit empfindlichen Nachteilen z. B. bei der Wahl der Schule oder
der Berufsausbildung rechnen. Kein Wunder, dass der Großteil der
Jugendlichen in der DDR dieser Organisation beitrat. Beherrscht wurde
die FDJ – wie alle Organisationen und der ganze Staat – von der neu
gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Erich
Honecker baute diese riesige Jugendorganisation auf und leitete sie
von 1946 bis 1955.
Die Staatspartei SED
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| Auf Betreiben der sowjetischen Besatzungsmacht
kam es 1946 in der Sowjetischen Besatzungszone zur
Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD zur Sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands (SED). Die SED wandelte sich rasch
in eine kommunistische Staatspartei, folgte dem Vorbild der
Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und wurde
weitgehend von dieser gelenkt. Zwar gab es noch andere Parteien
in der DDR. Doch die waren in der so genannten Nationalen Front
zusammengefasst und standen unter der Kontrolle der SED. |
AUFSTIEG UND GRIFF NACH DER MACHT
Als sich Deutschland
1949 in zwei Staaten teilte und aus der SBZ die Deutsche Demokratische
Republik (DDR) wurde, zeigte sich bald, dass aus dem ostdeutschen
Staat trotz des Namens kein demokratischer Staat werden würde. In dem
von der SED beherrschten Land stieg Honecker rasch zur rechten Hand
von Walter Ulbricht auf, der ab 1953 die Partei und ab 1960 als
Staatsratsvorsitzender (Staatspräsident) den Staat führte. 1958 kam
Honecker ins Politbüro der SED und saß damit in der Führungsspitze der
Partei. Als jedoch sein Förderer Walter Ulbricht bei der sowjetischen
Führung in Ungnade fiel, nutzte Erich Honecker die Gunst der Stunde,
verdrängte ihn 1971 von der Parteispitze und übernahm selbst die
Führung der Partei, im Grunde also die Herrschaft im Land. 1976 wurde
er außerdem Staatsratsvorsitzender und hatte nun die beiden
mächtigsten Posten im Land inne.
Ein eingesperrtes Volk
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| Als Zuständiger für die innere Sicherheit erwarb
sich Erich Honecker besondere Verdienste als Erfinder der Furcht
einflössenden DDR-Grenzanlagen. Honecker leitete auch die
Planung und den Bau der Berliner Mauer, die er bis zuletzt als
„Antifaschistischen Schutzwall” bezeichnete. In Wirklichkeit
diente sie zusammen mit Stacheldrahtzäunen, Selbstschussanlagen
und verminten Todesstreifen dazu, die eigene Bevölkerung an der
Flucht in die Freiheit zu hindern. |
STAATSCHEF HONECKER
Erich Honecker folgte
in seiner Politik treu und bedingungslos dem Vorbild Sowjetunion und
sicherte sich damit das Wohlwollen des großen Bruders im Osten. In der
DDR selbst hatten alle Bereiche des Lebens den Vorgaben der SED zu
folgen. Politisch anders Denkende wurden verfolgt, verhaftet oder
ausgebürgert. Außenpolitisch gelang Honecker mit dem Grundlagenvertrag
von 1972 die Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik, und 1973
erreichte er mit der Aufnahme der DDR in die Vereinten Nationen auch
eine gewisse Weltgeltung für seinen kleinen Staat. Westliche Politiker
umwarben ihn mehr und mehr, weil sie hofften, dass er zu einer
Entspannung im Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten und im
Kalten Krieg beitragen könne.
Mit der politischen
Annäherung an Westdeutschland ging jedoch eine immer stärkere
Abschottung des Landes einher: Die Grenzanlagen, die die Flucht aus
der DDR verhindern sollten, wurden verstärkt, und der
Staatssicherheitsdienst, kurz „Stasi”, baute sein Spitzelsystem zum
Aushorchen der Bevölkerung aus. Was die soziale Sicherung der
Bevölkerung anbelangte, so erlebte die DDR unter Honecker einen
Aufschwung. Und wirtschaftlich war sie nach der Sowjetunion der
erfolgreichste Staat im Ostblock. Als sich Honecker schon unersetzlich
wähnte, kam im Jahr 1985 beim großen Bruder Sowjetunion Michail
Gorbatschow an die Macht.
DER UNTERGANG DER DDR
Gorbatschows Politik
des Umbaus und der Offenheit (Perestroika und Glasnost) gewährte den
Menschen im sowjetischen Einflussbereich nie gekannte Freiheiten. Nur
Honecker wollte seinem Volk keine Freiheiten geben; er lehnte strikt
jede Art von Reformen ab. Aber das Volk nahm sich seine Freiheiten und
seine Rechte nun selbst: Mit der sowjetischen Entspannungspolitik als
Rückhalt trauten sich die Menschen in der DDR plötzlich, gegen die
Herrschaft der SED und die Herrschaft Honeckers aufzubegehren.
Hunderttausende gingen am Ende für ihre Freiheit und Bürgerrechte auf
die Straße. Wegen seiner Starrköpfigkeit und weil er offenkundig die
Zeichen der Zeit nicht verstand, wurde Honecker am 18. Oktober 1989
von seinen eigenen Getreuen entmachtet.
Letzte Chance versäumt
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| Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts
wurden überall im kommunistischen Ostblock Forderungen nach
Reformen laut. Doch die SED-Führung mit Erich Honecker an der
Spitze sträubte sich bis zuletzt gegen den neuen Kurs. Im Herbst
1989 zogen erstmals in der Geschichte der DDR mächtige, nicht
vom Staat organisierte Demonstrationszüge durch die Straßen der
ostdeutschen Städte. Als die Sowjetunion keinerlei Anstalten
machte, den Protest zu unterbinden, fürchtete man in der
SED-Führung um die Macht. Als er sogar ernsthaft in Erwägung
zog, Panzer gegen das eigene Volk auffahren zu lassen, wurde
Erich Honecker von seinen eigenen Leuten abgesetzt. Doch das
genügte den Menschen in der DDR nicht. Sie demonstrierten
weiter, bis die neue DDR-Führung am 9. November 1989 nachgab und
die Grenzübergänge zur Bundesrepublik Deutschland öffnete. Die
Wiedervereinigung Deutschlands erfolgte am 3. Oktober 1990. |
PROZESS UND FLUCHT
Honecker musste mit
ansehen, wie am 9. November 1989 seine Mauer fiel. Er wurde sogar aus
seiner eigenen Partei ausgeschlossen. Wegen Amtsmissbrauchs und wegen
der Todesschüsse auf die Menschen, die aus der DDR zu fliehen
versuchten, musste er sich vor Gericht verantworten. Der Prozess wurde
1993 eingestellt, weil Honecker unheilbar an Leberkrebs erkrankt war.
Er durfte nach Chile ausreisen. Erich Honecker, der bis zum Ende
keinerlei Reue zeigte, starb am 29. Mai 1994 in Santiago de Chile.
Republikflucht und Todesschüsse
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| Mindestens 60 000 Fälle von „Republikflucht”,
wie die Flucht in den Westen in der Sprache der DDR hieß, oder
„Vorbereitung zur Republikflucht” sind bekannt geworden.
„Republikflucht” war in der DDR mit hohen Gefängnisstrafen
bedroht. Insgesamt gelang 5 075 Menschen die Flucht über die
Mauer, den meisten von ihnen in den ersten Monaten, als die
Anlage noch nicht so perfekt war. Doch mindestens 239 Menschen
bezahlten ihren Drang nach Freiheit allein an der Berliner Mauer
mit dem Leben. Denn die Grenzsoldaten hatten die Anweisung, von
der Schusswaffe Gebrauch zu machen, also auf die Flüchtenden zu
schießen. |
Für Kinder und
Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch
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