Immanuel Kant

„Ich habe das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der mir ein wahrer Lehrer der Menschlichkeit war. Er hatte die Munterkeit eines Jünglings. Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude. Die gedankenreichste Rede floss von seinen Lippen. Scherz, Witz und Laune standen ihm zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang. Menschen-, Völker-, Naturgeschichte, Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen er seinen Vortrag belebte. Nichts Wissenswürdiges war ihm gleichgültig. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken. Nötigung war seinem Gemüt fremd. Dieser Mann, den ich mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist Immanuel Kant, sein Bild steht angenehm vor mir.”

Diese Zeilen stammen von Johann Gottfried Herder, ebenfalls ein Großer der deutschen Geistesgeschichte. Kant ist unbestritten ein Held der deutschen Philosophie. Sein Werk gehört zum Schwierigsten und Klügsten, was die Philosophie jemals hervorgebracht hat. Dies ist umso erstaunlicher, als Kant außer seiner Heimat so gut wie nichts von der Welt gesehen und Jahrzehnte lang ein abwechslungsarmes Leben geführt hat.

UNTER DER KNUTE
FRÖMMELNDER ZUCHTMEISTER

Kant wurde am 22. April 1724 in der ostpreußischen Stadt Königsberg geboren. Er war das vierte von elf Kindern und trug ursprünglich den Namen Emanuel. Sein Vater war Handwerksmeister und stellte Lederriemen her. Mit acht Jahren ging Kant auf das Collegium Fridericianum, wo ein schärferer Wind wehte als in seinem liebevollen Elternhaus. Doch er ließ sich nicht unterkriegen und war ein hervorragender Schüler. Zucht und Frömmelei weckten jedoch seinen Freiheitsdrang und seine Abneigung gegen Religion.

VOM HAUSLEHRER ZUM PROFESSOR

Mit 16 Jahren wechselte er auf die Universität Albertina in Königsberg, der er mit Unterbrechungen zeit seines Lebens verbunden bleiben sollte. Er studierte zwar auch Mathematik und Naturwissenschaften, strebte aber eine Lehrtätigkeit in Philosophie an. Doch als sein Vater starb, musste er neun Jahre lang als Hauslehrer zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen, bevor er 1755 seine Hochschullaufbahn fortsetzen konnte. Ohne Festanstellung lehrte Kant lange Jahre als Privatdozent, ehe er 1770 endlich als Professor seinen begehrten Lehrstuhl für Metaphysik und Logik übernehmen konnte. Angebote ferner Universitäten hatte er stets abgelehnt. Metaphysik ist die philosophische Ergründung der Dinge, die jenseits der sinnlich erfahrbaren Welt liegen (Ideen, Seele, Gott, Freiheit usw.), und Logik ist die Lehre vom folgerichtigen Denken.

„ES IST GUT!”

Leidenschaftlich übte Immanuel Kant 27 Jahre lang sein Lehramt aus und zog Scharen begeisterter Studenten in das abgelegene Königsberg. Privat fristete er ein einfaches und geregeltes Junggesellendasein, pflegte aber häufigen Umgang mit anderen Menschen. Als er mit zunehmendem Alter und schwindender Geisteskraft einige Marotten entwickelte, brachte ihm dies seinen heutigen Ruf eines komischen Kauzes ein. Er starb am 12. Februar 1804 in Königsberg mit den Worten: „Es ist gut!”

Nicht richtig krank – nicht richtig gesund
 
Kant legte größten Wert auf ein gepflegtes Äußeres und modische Kleidung. Denn mit nur 1,57 Meter Körpergröße war er eine eher unauffällige Gestalt. Es wird berichtet, dass sein Knochenbau so zart und die Muskulatur so schwach war, dass er seine Kleider künstlich befestigen musste, weil sie am Körper keinen Halt fanden. Die Brust war eingefallen, so dass er bisweilen über Herzbeklemmungen und Luftmangel klagte. Seine Nerven waren anfällig, und er soll so empfindlich gewesen sein, dass ihm schon ein frisch gedrucktes Zeitungsblatt einen allergischen Schnupfen verursachte. Ernsthaft krank war er jedoch nie.
 

DIE EWIG SPANNENDEN FRAGEN

Immanuel Kants Leben mag äußerlich eintönig gewesen sein. Doch die Schriften, die er der Nachwelt hinterlassen hat, künden von einem äußerst bewegten Innenleben. Seine drei Hauptwerke tragen den Titel Kritik der reinen Vernunft (1781), Kritik der praktischen Vernunft (1788) und Kritik der Urteilskraft (1790). Bereits in den Buchtiteln ist eine Grundhaltung von Kants Philosophie ausgesprochen: feststehende Überzeugungen und Meinungen nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie kritisch zu hinterfragen. Kant beschäftigte sich darin mit den ewig spannenden Fragen: „Was kann ich wissen?” – „Was soll ich tun?” – „Was darf ich hoffen?” – „Was ist der Mensch?” Darüber hinaus lieferte er auch wichtige Beiträge zur Staatstheorie.

DAS „DING AN SICH” IST UNERGRÜNDLICH

In seinen kritischen Werken spricht Kant dem Menschen die Fähigkeit ab, die Wirklichkeit zu erkennen, wie sie ist. Dem Menschen als vorgeprägtem Wissenstier kann die Welt nur so erscheinen, wie er sie auffasst. Das „Ding an sich” bleibt ihm jedoch verborgen. Es gibt eine Wirklichkeit, die unabhängig von uns besteht. Wir können zwar Vermutungen darüber anstellen, doch wie sie beschaffen ist, bleibt für immer unerkennbar. Das gilt umso mehr für den Bereich des Übersinnlichen, wo es um Gott, die Welt oder die Seele geht. Kant widerlegte die Gottesbeweise der mittelalterlichen Philosophie, leugnete aber nicht die Existenz Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele. Er bekräftigte den Glauben als eine wichtige moralische Kraft.

FREIHEIT ZUR PERSÖNLICHEN SITTLICHKEIT

In seiner Moralphilosophie spricht Kant dem mit Vernunft begabten Menschen die Freiheit des Willens zu, in Selbstbestimmung ein sittliches Leben zu führen. Der Charakter eines Menschen beruht auf der „Herrschaft der Maximen”. Das sind Vorschriften oder Verfahren, die wir von anderen oder aus Büchern gelernt haben. Es sind die Grundsätze, nach denen wir leben wollen. Sie hindern uns daran, unbedacht und unvernünftig zu handeln. In seiner Grundlegung der Metaphysik der Sitten (1785) formuliert Kant den weltberühmten kategorischen Imperativ (unbedingtes Gesetz): „Handle nur nach der Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.” In seiner ethischen Elementarlehre unterscheidet er zwischen „Pflichten gegen sich selbst” und „Pflichten gegen andere”. Einige dieser Pflichten sind vollkommen. Das heißt, sie schreiben genau vor, was wir tun müssen. Andere dagegen sind unvollkommen, das heißt, es bleibt uns überlassen, was wir tun sollen.

Tagesplan eines großen Philosophen
 
4:45 Uhr: Wecken durch seinen Diener Lampe
5:00 Uhr zwei Tassen Tee und ein Tabakspfeife, anschließend Unterrichtsvorbereitungen
7:00 bis 9:00 Uhr: Vorlesungen in Metaphysik sowie abwechselnd in Mathematik, Naturlehre, Anthropologie, physische Geographie, Logik und Pädagogik
9:00 bis 12:45 Uhr: Arbeit an Veröffentlichungen
13:00 bis 16:00 Uhr: einzige Mahlzeit des Tages in Gesellschaft von Gästen mit anschließenden Gesprächen
16:00 Uhr: Spaziergang
19:00 Uhr: Lektüre
22:00 Uhr: Bettruhe
 

VERFECHTER DER AUFKLÄRUNG

Immanuel Kant war ein Verfechter der Aufklärung. So nennt man eine geistige Bewegung im 17. und 18. Jahrhundert, die den Menschen aus der Dunkelheit jahrhundertelanger Unwissenheit und Gottesgläubigkeit in das Licht von Wissen und Vernunft führen wollte. In Kants berühmtem Aufsatz Was ist Aufklärung? (1784) finden sich die Sätze: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

STAATSPHILOSOPHIE

Bei solchen Ansichten versteht es sich fast von selbst, dass Kant auch für eine verantwortliche Teilhabe des Volkes an der Herrschaft im Staat eintrat. Aus Angst vor der Entfesselung unvernünftiger Kräfte sprach er den Bürgern das Recht zur Rebellion gegen eine ungerechte Regierung ab. Dennoch verteidigte er die Französische Revolution. Denn durch die Einberufung der Volksversammlung habe König Ludwig XVI., der bis dahin allein über das Volk bestimmte, praktisch abgedankt.

Wie viele fortschrittliche Kollegen sieht Kant den Staat als Ergebnis eines ursprünglichen Vertrages zwischen freien Personen. Er soll vor Krieg schützen und Frieden sichern. Der Rechtsstaat ist durch eine Regierung gekennzeichnet, die für Gerechtigkeit sorgt und dem allgemeinen Recht unterliegt. Die gesetzgebende Gewalt kann nur dem vereinten Willen des Volkes oder dem ursprünglichen Vertrag entspringen. Das Wahlrecht sollte allerdings nur Menschen zustehen, die selbständig ihren Lebensunterhalt bestreiten. Arbeiter und Angestellte sind demnach ebenso ausgeschlossen wie Frauen und Minderjährige.

Was die zwischenstaatliche Politik betrifft, so gilt Kant als Vordenker einer Weltregierung und in gewisser Weise der Vereinten Nationen. Denn er tritt für einen Bund ein, der das Recht des Stärkeren durch die „Vernunftidee” einer friedlichen Gemeinschaft aller Völker auf Erden ersetzen soll. Diesen Gedanken beschrieb Kant in seiner berühmten Abhandlung Zum ewigen Frieden (1795).

Wichtige Werke
Jahr Werk
1781 Kritik der reinen Vernunft
1784 Was ist Aufklärung?
1785 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
1788 Kritik der praktischen Vernunft
1790 Kritik der Urteilskraft
1795 Zum ewigen Frieden
 

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch

 

(© cpw, 2007)