Krieg

 

Der Mensch erklärt sich selbst zur Krone der Schöpfung. Und dementsprechend tritt er auch auf: Er bildet sich mächtig etwas ein auf seine Menschenwürde, seinen Verstand und sein Gefühlsleben. Und er glaubt, allen anderen Lebewesen weit überlegen zu sein. Was ihn aber wirklich einzigartig macht, ist die Brutalität, mit der er manchmal Streitigkeiten mit seinen Mitmenschen austrägt. Denn im Tierreich kommt es nicht vor, dass sich Artgenossen im großen Stil gegenseitig umbringen – so wie es die Menschen tun, wenn sie gegeneinander Krieg führen.

Mehr Krieg als Frieden
In den letzten 3 500 Jahren Menschheitsgeschichte herrschte insgesamt mehr als 3 250 Jahre Krieg und nur 250 Jahre Frieden. Das ist ein Jahr Frieden auf 13 Jahre Krieg. Im selben Zeitraum wurden über 8 000 Friedensverträge geschlossen, die ewig gültig sein sollten. Tatsächlich hielten sie durchschnittlich nur zwei Jahre.

WARUM KRIEG?

Möglicherweise liegt es ja an ihrer Verschiedenartigkeit, dass es immer wieder zu Mord und Totschlag zwischen den Menschen kommt. Ein Wolfsrudel ist dem anderen doch sehr ähnlich. Dagegen besteht die Menschheit aus einer Vielzahl von Völkern, Staaten und Nationen. Sie alle haben andere Sitten, Gebräuche, Weltanschauungen und Religionen. Hinzu kommen die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten auf der Welt. Dies sind Anlässe genug für Streit, Neid und Hass. Und die Völker führen tatsächlich immer dann Kriege, wenn sie anderen ihre eigene Meinung und den eigenen Glauben aufzwingen wollen. Oder um ihnen Land, Reichtum und Macht wegzunehmen.

KRIEGER VON NATUR AUS?

Ob der Krieg nun schon in der Natur des Menschen liegt und deshalb gar nicht aus der Welt zu schaffen ist, lässt sich nur schwer klären. Denn erst die letzten 10 000 Jahre geben uns nähere Auskunft über die Entwicklung der Menschheit. Noch vor wenigen Jahren gab es Naturvölker, die überhaupt keinen Krieg kannten. Weil sie den Urmenschen sehr ähnlich waren, folgern manche Forscher, dass es bei unseren frühen Vorfahren ebenfalls sehr friedlich zugegangen sein muss. Solange die frühen Menschen als Jäger und Sammler umherzogen, waren sie alle gleich arm. Dies änderte sich rasch, als sie als Bauern und Städter sesshaft wurden: Nun wurden die Unterschiede im Besitz immer größer, die einen besaßen viel oder sogar sehr viel, die anderen wenig oder nichts. Und das, so glauben einige Forscher, ist die Ursache für den Krieg zwischen den Menschen.

Andere meinen, der Krieg sei so alt wie die Menschheit selbst. Ohne die ständige Gefahr, den Beute- und Rachezügen anderer Horden zum Opfer zu fallen, hätten die Menschen gar nicht den Zusammenhalt in der Gruppe gesucht. Dann wäre es auch nie zu Staaten gekommen, in denen es sich im Schutz von Recht und Gesetz sicher leben lässt. Und ein Blick in die Frühgeschichte zeigt tatsächlich, dass im alten Griechenland schon lange vor der Bildung richtiger Staaten bewaffnete Auseinandersetzungen zum Alltag gehörten. Und fest steht auch, dass es erst mit der Entstehung der griechischen Stadtstaaten erste Versuche gab, die andauernden Kriege durch Bündnisse und Friedensordnungen zu begrenzen.

RECHT DES STÄRKEREN

Der Begriff Krieg hat sich im Laufe der europäischen Geschichte gewandelt. Im engeren Sinn bezeichnet man heute die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Staaten als Krieg. Ursprünglich jedoch kommt das Wort vom mittelhochdeutschen Ausdruck kriec, und das bedeutet „Rechtsstreit”. Das Wort stammt also aus einer Zeit, in der Gerichte noch selten waren. Um bei Streitigkeiten zu ihrem Recht zu kommen oder um Machtfragen zu klären, blieb zum Beispiel den Adeligen im Mittelalter nur die Fehde. Das heißt, sie mussten mit ihrem Gefolge ausziehen und um Recht oder Macht kämpfen. Später ging das Recht zur Fehde und damit zum Krieg auf die Könige und Fürsten über. Denn sie waren die Einzigen, die nicht dazu gezwungen werden konnten, sich dem Schiedsspruch eines Richters zu beugen.

Christliche Kriegsführung
Im Mittelalter gab es umfangreiche Regelwerke zur christlichen Kriegsführung. So war z. B. der Einsatz von Armbrust oder Pfeil und Bogen verboten, weil es sich dabei um die typischen Waffen aufständischer Bauern und Bürger handelte. Im Krieg zwischen verfeindeten Christen mussten sehr viele Rücksichten genommen werden. Wenn es allerdings gegen aufständische Bauern oder „heidnische” Völker wie Slawen oder Muslime ging, war so gut wie alles erlaubt.

GERECHTER UND UNGERECHTER KRIEG

Da der Krieg stets Tod und Zerstörung bringt, benötigten vor allem die christlichen Herrscher gute Gründe, ihn zu rechtfertigen. Sie wollten ja nicht als Sünder dastehen – lautet doch das 6. Gebot: Du sollst nicht töten! Unterstützung bekamen sie dabei ausgerechnet von der Kirche. Diese erlaubte ihnen den „gerechten Krieg” als Strafe für Unrecht oder zur Wiederherstellung des Friedens. Das war nicht neu. Denn schon die alten Römer pflegten einen „gerechten” Grund für den Krieg zu suchen. Was sie freilich nicht davon abhielt, sich ein Weltreich zu erobern.

Mit dem „gerechten Krieg” war es spätestens vorbei, als sich die Christenheit im Streit um die Erneuerung der Kirche in Katholiken und Protestanten spaltete. Diese Zeit nennt man Reformation. Danach tobten in Europa eineinhalb Jahrhunderte lang erbitterte Religionskriege um den rechten Glauben. Am bekanntesten ist der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), an dem die meisten Staaten Europas beteiligt waren.

KRIEG ALS NORMALES MITTEL DER POLITIK

Im Verlauf der weiteren Geschichte wurde der Krieg zu einem ganz normalen Mittel der Politik zwischen den Staaten. Für den preußischen General Carl von Clausewitz etwa war Anfang des 19. Jahrhunderts der Krieg gar nichts Verwerfliches mehr. „Nicht die Ächtung des Krieges führt zu seiner Begrenzung, denn sie beraubt den Überfallenen seiner Verteidigung”, meinte er. „Allein die Vorbereitung der Fähigkeit, einen Krieg zu führen, bietet die Möglichkeit zur Kriegsverhinderung.” Diese Ansichten gelten bis heute. Nicht umsonst hält sich jeder noch so kleine Staat Soldaten und Kriegsgerät mindestens zur Selbstverteidigung.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam es in vielen Ländern Europas zu einer regelrechten Begeisterung für alles Militärische. Auch die Staaten gaben sich in ihrer Politik entsprechend militaristisch. Alle wollten Großmacht sein und trumpften mit Waffen und Armeen auf. Dies ging sogar so weit, dass sich die europäischen Staaten einen Wettlauf um die Aufteilung der Welt lieferten. Möglichst viele schwächere Länder auf anderen Kontinenten wurden unterworfen, zu Kolonien gemacht und ausgebeutet. Diese Einstellung führte schlussendlich in den 1. Weltkrieg, der viele Millionen Menschen das Leben kostete.

DER TRAUM VON EINER FRIEDLICHEREN WELT

Um endgültig zu Besinnung zu kommen, bedurfte es noch des viel grauenhafteren 2. Weltkrieges. Dieser artete derart aus, dass er als „totaler Krieg” in die Geschichte eingegangen ist. Der Schock über das Ausmaß der Zerstörungen und die beispiellosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in diesem Krieg führte zu einem Umdenken. Mit der Gründung der Vereinten Nationen 1945 schien erstmals eine dauerhafte Friedensordnung in greifbare Nähe zu rücken. Dies ist aber ein Traum geblieben. Die „echten” Kriege zwischen Staaten sind zwar deutlich zurückgegangen. An ihre Stelle sind verdeckte Kriege, Bürgerkriege und der Terrorismus getreten. Völkermord, Flucht und Vertreibung haben inzwischen mehr Todesopfer gefordert als die beiden Weltkriege zusammen.

In Europa herrschte nach dem 2. Weltkrieg über 50 Jahre lang Frieden, obwohl sich der Westen und der Osten spinnefeind waren. Wer jedoch meint, die Menschen seien endlich zur Vernunft gekommen, der irrt. Sie trauten sich nur nicht. Denn beide Seiten hatten Atomraketen, mit denen sie sich gegenseitig in Schach hielten. Die Sprengkraft dieser Waffen hätte ausgereicht, um alle Städte der Welt sieben Mal zu zerstören. Diesen Zustand nannte man das „Gleichgewicht des Schreckens”. Bezeichnenderweise ist die Zeit auch nicht als „Langer Frieden” sondern als „Kalter Krieg” in die Geschichte eingegangen.

Die Zivilisten sind die Opfer
Von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu seinem Ende hat sich das Verhältnis von getöteten Soldaten zu zivilen Opfern von 8:1 auf 1:8 umgekehrt hat, d. h., in einem Krieg kommen auf einen getöteten Soldaten acht getötete Zivilisten. 40 Prozent aller Todesopfer sind Minderjährige.

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von:
Roland Detsch

(© cpw, 2007)