Mahatma Gandhi

Was ist der Unterschied zwischen einem Koffer und einem Inder? Keiner – zumindest in den Augen der britischen Kolonialherren, die sich um 1900 ein Viertel der Welt untertan gemacht hatten. Diese bittere Erfahrung musste der junge Gandhi in Südafrika machen, wo er als Anwalt für eine indische Firma arbeitete. Auf dem Weg zu einem Geschäftstermin in Pretoria betrat ein weißer Fahrgast sein Zugabteil, stutzte, machte kehrt und kam mit drei Schaffnern zurück. „Kommen Sie mit, Sie müssen in den Gepäckwagen!”, sagte einer. „Aber ich hab eine Fahrkarte erster Klasse”, erwiderte Gandhi. „Das macht nichts. Ich sage Ihnen, Sie müssen in den Gepäckwagen.” – „Man hat mich in Durban in diesem Abteil sitzen lassen, und ich bestehe darauf, weiter hier sitzen zu bleiben.” – „Nein, das werden Sie nicht”, sagte der Beamte, „Sie müssen hier raus, oder ich muss einen Schutzmann rufen, damit er Sie rauswirft.” – „Ja, das können Sie”, antwortete Gandhi. „Ich weigere mich, freiwillig hinauszugehen.” Der Schutzmann kam, packte Gandhi am Arm und warf ihn kurzerhand aus dem Zug.

Das Vorbild Gandhi
 
Mahatma Gandhi gehört zu den großen Idolen der Menschheitsgeschichte. Mit seinen Methoden des gewaltlosen Widerstands wurde er vielen Menschen zum Vorbild. Selbst die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA eiferte ihm unter der Führung von Martin Luther King mit Erfolg nach. Es wurde sehr oft kritisiert, dass Gandhi für seine Leistung nicht mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
 

DER UNGEHORSAME

Gandhi war zutiefst gedemütigt und beschloss, sich fortan mit aller Kraft für die Bürgerrechte der unterdrückten „Farbigen” im britischen Südafrika einzusetzen – und zwar mit den Mitteln des friedlichen Ungehorsams. Die Methoden, mit denen er die Weißen in Südafrika zur Weißglut brachte und sich mehrere Haftstrafen einhandelte, machten ihn in Indien zum Volkshelden. Als er am 6. April 1919 erstmals in den Freiheitskampf seines Heimatlandes Indien gegen die britischen Kolonialherren eingriff, wurde er bejubelt wie ein Messias.

HERKUNFT

Mohandas Karamchand Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 in Porbandar im heutigen indischen Bundesstaat Gujarat geboren. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie. Seine Eltern, fromme Hindus, gehörten der Kaste der Händler an. Sein Vater war Premierminister des Fürstentums Rajkat. Mit 13 wurde Gandhi mit der gleichaltrigen Kasturbai Nakanji verheiratet, die er – wie damals üblich – als Sklavin betrachtete und wie eine Dienstmagd behandelte. Dies bereute er später zutiefst. Er studierte in London Rechtswissenschaften und übernahm 1893 den Anwaltsposten in Südafrika.

LEBEN IN ASKESE

Zehn Jahre später änderte er sein Leben radikal: Er entsagte allen irdischen Bedürfnissen, schnitt sich selbst die Haare, verrichtete die „niedrigsten” Arbeiten und trug den Lendenschurz und das Tuch der untersten Kaste. Er schloss sich der Lehre des Bramacharya an, die nach Keuschheit, Enthaltsamkeit, Bedürfnislosigkeit und Selbstlosigkeit strebte. In dieser Verfassung kehrte er 1914 nach Indien zurück.

AUFRUF ZUM GEWALTLOSEN WIDERSTAND

Wie in Südafrika predigte Gandhi auch in Indien gewaltlosen Widerstand in Form zivilen Ungehorsams. Er rief die Inder dazu auf, Gesetze zu übertreten (sofern sie dadurch ihre Mitbürger nicht schädigten), die Arbeit niederzulegen, den Staatsdienst zu verweigern, die Kinder von der Schule zu nehmen und bestimmte Waren, vor allem britische, zu boykottieren, also nicht mehr zu kaufen. Und er empfand es als Ehrensache, für die Sache der Freiheit und der Gerechtigkeit ins Gefängnis zu gehen. Als Mittel im Kampf gegen die britischen Kolonialherren empfahl er das Fasten. Und er trat immer wieder in den Hungerstreik, wenn es zu Gewalttaten kam.

Der Gesetzesübertreter Gandhi
 
Wenn Gandhi bewusst gegen ein Gesetz verstoßen hatte, bekannte er sich „schuldig im Sinne des Gesetzes” und nahm seine Strafe an. Das bereitete den Behörden Probleme. Denn nur wenn er Widerstand geleistet hätte, hätten sie härter gegen ihn vorgehen können.
 

DIE GROSSE SEELE

Die Inder verehrten Gandhi wie einen Heiligen und verliehen ihm den Ehrentitel Mahatma („Große Seele”). Die Wurzeln seiner Lehre waren weniger politischer als religiöser Natur. Sie fußten im Wesentlichen auf der Bhagavadgita („Gesang des Erhabenen”), einem heiligen Text der Hindus, aber auch auf der Bergpredigt von Jesus Christus. Die geistige Kraft, die sein Handeln bestimmte, bezeichnete er als Satyagraha, als „Stärke, die aus Wahrheit, Liebe und Gewaltlosigkeit geboren ist”. Sie könne den Menschen befähigen, völlig allein gegen die ganze Welt zu bestehen und den Gegner durch Einsicht zu überwinden.

Gandhi und die Bergpredigt
 
Trotz seiner tiefen Verwurzelung im hinduistischen Glauben hatte Gandhi Respekt vor anderen Religionen. Besonders begeistert war er von der Bergpredigt, in der Jesus Christus dazu aufrief, Böses mit Gutem zu vergelten. Um zu verdeutlichen, um was es bei seiner Satyagraha geht, griff er für gewöhnlich auf die Bergpredigt zurück.
 

SALZMARSCH UND SPINNRAD-KAMPAGNE

Mit spektakulären Kampagnen sorgte Gandhi für weltweites Aufsehen. Zum Beispiel 1930 mit seinem „Salzmarsch”, der sich gegen das Salzmonopol der Briten richtete. Die Briten hatten in Indien das Recht auf die Gewinnung und den Verkauf von Salz für sich reserviert und außerdem das Salz mit hohen Steuern belegt. Gandhi flehte den englischen Vizekönig an, die überhöhten Salzsteuern zu mindern, stieß aber auf taube Ohren. Deshalb machte er sich mit 78 Getreuen zu Fuß auf den mehrere hundert Kilometer langen Weg zum Meer, um dort aus dem Meerwasser Salz zu gewinnen. Tausende schlossen sich an. Gleichzeitig besetzten 2 500 Menschen die Darshana-Salzwerke bei Surat und ließen sich lieber totprügeln, als zurückzuweichen. Als ein schwunghafter Handel mit selbst gemachtem Salz aufblühte und die Protestbewegung auch andere Landesteile erfasste, kam es zu Massenverhaftungen. 60 000 Anhänger der Satyagraha-Bewegung wanderten in die Gefängnisse.

Zum durchschlagenden Erfolg wurde auch Gandhis Spinnrad-Kampagne. Um das Land von britischen Textileinfuhren unabhängig zu machen, hatte er landauf, landab für eine Rückbesinnung auf alte Handwerkstraditionen wie die Heimspinnerei geworben. In seiner Spinnrad-Kampagne ging Gandhi mit gutem Beispiel voran: Jede freie Minute saß er am Spinnrad und trug nur noch Kleidung aus selbst gesponnener und selbst gewebter Baumwolle. Das Spinnrad, das somit zu einem Symbol des Unabhängigkeitskampfes wurde, ziert heute die indische Flagge.

Im Selbstgewebeten vor dem König
 
Im September 1931 traf Gandhi anlässlich einer Indientagung in England ein. Schon seine Ankunft war ein Medienereignis. Überall wurde er von den Menschen bejubelt. Gekleidet im selbst gefertigten Baumwollschurz und in Sandalen, nahm er an einem Empfang des englischen Königs teil, der die Führer des Indischen Nationalkongresses zum Tee im Buckingham-Palast geladen hatte.
 

OPFER DES HASSES

Die Aufsässigkeit der Bevölkerung brachte die britische Kolonialverwaltung schwer in Bedrängnis. Doch es dauerte noch bis 1947, ehe die Regierung in London einlenkte. Aber kaum war die Unabhängigkeit errungen, flammten die alten religiösen Gegensätze zwischen Hindus und Muslimen wieder auf und schlugen in Gewalt um. Um zwischen den verfeindeten Religionsgruppen zu schlichten, besuchte Gandhi 1947/48 Kalkutta und andere umkämpfte Städte. Als alles nichts half, entschloss er sich, bis zum Tod zu fasten. Da keine Seite für seinen Tod verantwortlich sein wollte, kam es tatsächlich zu einem Waffenstillstand – jedoch nur kurzfristig.

Nicht einmal Gandhi, der sich mit Leib und Seele für ein friedliches Miteinander aller Religionen und eine Milderung der Kastenunterschiede eingesetzt hatte, konnte die Teilung des Landes in ein hinduistisches Indien und ein muslimisches Pakistan verhindern. Schlimmer noch: Ausgerechnet er fiel dem religiösen Hass zum Opfer. Gandhi wurde am 30. Januar 1948 von dem radikalen Hindu Nathuram Godse während seines abendlichen Gebetes vor dem Birla House in Delhi erschossen. Er starb mit den Worten: „He Ram” – „Gott”.

Gandhis vorletzte Worte
 
Als ob er seinen Tod vorausgeahnt hätte, sagte Gandhi wenige Tage vor dem Attentat: „Wenn ich durch die Kugel eines Verrückten sterben sollte, so muss ich es lächelnd tun. Es darf kein Zorn in mir sein. Gott muss in meinem Herzen und auf meinen Lippen sein, und ihr müsst mir eines versprechen: Wenn so etwas passieren sollte, dürft ihr keine Träne vergießen. Ich habe meinen Dienst an der Menschheit nicht auf Bitten irgendeines Menschen hin unternommen, ich kann ihn auch nicht auf irgendjemandes Bitten hin aufgeben. Ich bin so, wie Gott mich wollte, und ich handle, wie er mich anweist. Lasst ihn tun, was er von mir will. Wenn er will, so kann er mich töten. Ich glaube, dass ich so handle, wie er mir befiehlt.”
 

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch

(© cpw, 2007)