Mumie

Sie wirken wie Figuren aus der Geisterbahn. Wie kaum etwas anderes schlagen Mumien ihre Betrachter in den Bann und lösen eine Mischung aus Grauen und Faszination aus. Grauen, weil es sich hier ganz offenkundig um Leichen handelt, die aber dennoch oft wie untot wirken. Und Faszination, da diese konservierten Körper, die Tausende von Jahren alt sein können, von längst vergangenen Zeiten künden.

Mumien finden sich nahezu überall auf der Welt. Die künstliche Bewahrung der sterblichen Überreste von Menschen vor der Verwesung wurde in allen möglichen Kulturen und Religionen praktiziert. Selbst heute werden noch Menschen mumifiziert – manchmal sogar zu Kunstwerken erklärt und gegen Eintrittsgeld zur Schau gestellt.

Asphaltierte Leichen
 
Als Mumien bezeichnet man durch natürliche Austrocknung oder künstliche Präparierung vor Verwesung geschützte Leichen. Das Wort kommt vom persischen Wort mum; das ist ein wächsernes Gemisch aus Pech und Myrrhe. Im Arabischen steht mumiya für Bitumen, also Erdpech oder Asphalt. Man übertrug den Ausdruck auf die konservierten ägyptischen Leichname, da sich die Harze, Öle und Essenzen, die man zur Einbalsamierung verwendete, mit der Zeit zu einer schwarzen, teerähnlichen Kruste verfestigt hatten.
 

ZERFALL UND BEWAHRUNG

Mumien sind nicht immer das Werk findiger Präparatoren. Unter normalen Bedingungen dauert es höchstens 20 bis 25 Jahre, bis der Körper eines Menschen oder Tieres restlos zerfallen ist. Bei Lebewesen ohne Knochenskelett kann dies schon nach viel kürzerer Zeit der Fall sein. Man denke nur an faulendes Obst und Gemüse oder verwesendes Fleisch. Aber man kann auch Früchte und Fleisch kaufen, die auch nach Jahren noch nicht verdorben sind. Doch dazu müssen sie entweder getrocknet, luftdicht verpackt oder gefroren sein. Zu den „Vorläufern” solcher Konservierungsverfahren gehören auch Mumien.

NATÜRLICHE MUMIEN

Wenn ein Körper nicht von Menschen, sondern von der Natur haltbar gemacht wurde, spricht man von natürlichen Mumien. Es gibt Trockenmumien, Eismumien und Moormumien (Moorleichen). Extreme Hitze und trocken-heißer Wüstensand können Körpern rasch die Flüssigkeit entziehen, noch ehe sie zu verwesen beginnen. Die Muskulatur verdorrt zu harten Fasern und Strängen, und die Haut wird trocken wie gegerbtes Leder. Ähnliches können kalter Luftzug oder Eis bewirken. Bakterien und Organismen, die den Körper normalerweise zersetzen würden, können unter solchen Bedingungen nicht überleben. Die Leichen verdorren oder werden regelrecht gefriergetrocknet.

Die schönsten Mumien – im wahrsten Sinne des Wortes – findet man aber unter den so genannten Moorleichen: Im Wasser gelöste chemische Stoffe und eine luftdichte Lagerung im Sumpf können Körper mitsamt der Kleidung derart gut konservieren, dass schon Jahrhunderte alte Moorleichen bei ihrer Entdeckung für ganz frische Mordopfer gehalten worden sind. Die meisten Moorleichen fand man in trockengelegten ehemaligen Hochmoorgebieten. Die Mehrzahl der über 700 Moorleichen, die in Europa gefunden wurden, stammt aus der Eisenzeit. Die meisten von ihnen wurden offenbar im Moor bestattet, nachdem sie bereits verstorben waren. Doch es fanden sich auch die Leichen von Verunglückten, Menschenopfern, hingerichteten Verbrechern und Mordopfern.

Ötzi und Juanita
 
Zu den bekanntesten Eismumien gehören der Gletschermann „Ötzi”, der in den Ötztaler Alpen tiefgefroren rund 5 300 Jahre überdauerte, sowie „Juanita”, ein Inkamädchen, das 500 Jahre lang im Eis eingeschlossen auf einem Gipfel der Anden ruhte. Im sibirischen Dauerfrostboden kamen auch schon bestens erhaltene Mammuts zum Vorschein, die man ebenfalls zu den Eismumien zählen kann.
 

WEITERLEBEN IM JENSEITS

Zu den berühmtesten Mumien gehören die der altägyptischen Pharaonen. Die alten Ägypter glaubten, dass der Körper für das Leben nach dem Tod unversehrt sein müsse. Deshalb wurden sie wahre Meister auf dem Gebiet der Mumifizierung. Angefangen hat jedoch alles damit, dass die Menschen am Nil in vorgeschichtlicher Zeit ihre Verstorbenen in der Wüste begruben. Hohe Persönlichkeiten wie die gottähnlichen Pharaonen hat man freilich nicht einfach nur im Sand verbuddelt, sondern mumifiziert. Dann legte man sie in ein prunkvolles Grab, zusammen mit wertvollen Beigaben, die ihnen das Leben im Jenseits versüßen sollten. Auch in anderen Kulturkreisen hat man Häuptlinge und Herrscher nach dem Tod mumifiziert, so etwa in Südamerika oder in China. Eine Sonderform der Mumifizierung ist die Tierpräparation. Ausgestopfte Tiere dienen in der Regel als Sammlerstücke und Jagdtrophäen oder als Ausstellungsobjekte in Naturkundemuseen. In den Pharaonengräbern hat man aber auch Mumien von Tieren gefunden, z. B. von Ibissen. Diese Vögel galten den Ägyptern als heilig.

Die alten Ägypter entfernten vor der Mumifizierung sämtliche Eingeweide und das Gehirn, die man gesondert beisetzte. Der Leichnam wurde dann mit Natronlauge behandelt und getrocknet. Nach einigen Wochen rieb man ihn mit Salben aus Zedernholz ein und verpackte ihn in mit Harz getränkten Binden und Kräutern, ehe man ihn einbandagierte und schmückte. Die gesamte Prozedur zog sich über 70 Tage hin. In Südamerika wurden die Leichen hauptsächlich getrocknet, geräuchert oder gesalzen.

Ein besonderes Rezept
 
Eine besondere Form der Mumifizierung stellt die Anfertigung von Schrumpfköpfen dar. Sie wurde von südamerikanischen Indianern vom Stamm der Shuar (Jívaro) praktiziert, die im Grenzgebiet von Ecuador und Peru leben. Sie pflegten ihren getöteten Feinden die Köpfe vom Rumpf zu trennen, sie zu kochen und ihnen die komplette Kopfhaut vom Schädel zu lösen. Die eingeschrumpfte Haut wurde geräuchert und getrocknet. Mund und Augen vernähte man mit Palmbast, um zu verhindern, dass die Seelen der Toten herausblicken konnten.
 

RELIGIÖSE UND POLITISCHE MUMIEN

Die christliche Kirche sah in der Verehrung von Mumien nichts anderes als heidnischen Götzendienst. Heißt es doch in der Bibel: „Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren!” Doch es waren ausgerechnet christliche Kapuzinermönche, die in den Katakomben eines Klosters auf Sizilien die bei weitem größte und gespenstischste Mumiensammlung der Welt anlegten. Es gibt auch Mumien von Heiligen – und geistliche Würdenträger wie Äbte, Bischöfe und Kardinäle waren es, die besonders häufig ihre eigenen sterblichen Hüllen bewahren ließen. Vielleicht wollten sie sich damit mit den unvergänglichen Mumien der Heiligen auf eine Stufe stellen.

Ähnliche Beweggründe mögen hinter der Herstellung „politischer Mumien” gesteckt haben. Bestes Beispiel aus der jüngeren Zeit ist der Kult um den Leichnam von Wladimir Iljitsch Lenin. Wie er leibte und lebte, ist der russische Revolutionsführer bis heute in einem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau aufgebahrt – seit mehr als 80 Jahren.

Moderne Mumien
 
In einer riesigen Hallengruft unterhalb des Klosters Convento dei Cappuccini in Palermo lagern mehr als 8 000 voll bekleidete Mumien und Skelette von Verstorbenen, die dort zwischen 1599 und 1880 bestattet wurden. Nach Berufsstand und Geschlecht geordnet, hängen oder liegen Geistliche und Bürgerliche, Männer, Frauen und Kinder in endlosen Reihen in Wandnischen, offenen Särgen und Regalen. Die größte Attraktion ist der Leichnam eines zweijährigen Mädchens namens Rosalia, die 1920 ausnahmsweise in die Gruft aufgenommen wurde. Sie liegt dort in einem gläsernen Sarg und sieht aus, als schliefe sie nur. Der perfekte Erhaltungszustand der „schlafenden Schönheit”, wie sie genannt wird, ist das Ergebnis einer einzigen Chemikalieninjektion. Das Rezept für die verwendete Mixtur hat ihr Erfinder Dr. Solafia mit in sein Grab genommen.
 

MUMIENKUNST

Lenins verblüffend guter Erhaltungszustand ist das Ergebnis chemischer Konservierungsmethoden des Industriezeitalters. Diese haben heute ihren vorläufigen Höhepunkt in der so genannten Plastination gefunden. Dabei werden in einem komplizierten Verfahren Fett und Wasser im verweslichen Gewebe des Toten durch Kunststoffe ersetzt. Die zu Plastik erstarrten lebensechten Organe eignen sich natürlich hervorragend für die medizinische Forschung und Lehre. Plastinierte Leichen und Leichenteile sind völlig trocken und geruchsfrei. Da sie sich gut verarbeiten und modellieren lassen, wurden diese modernen Mumien zu Objekten spektakulärer und umstrittener Kunstausstellungen.

Taufrischer Lenin
 
Im Gegensatz zu den altägyptischen Mumien sieht Lenins Leichnam noch aus wie am ersten Tag. Nach der Entnahme seines Gehirns hatte man ihm eine Mischung aus dem Konservierungsmittel Formalin, Alkohol, Chlorsalz und Glyzerin in die Adern gespritzt. Die Organe wurden entfernt, der Körper ausgestopft und in ein Bad aus Glyzerin, Kaliumazetat, Alkohol und Chlorid getaucht. Zur Feuchterhaltung ist der Leichnam unter dem Anzug in Gummibinden gewickelt. Bis zum heutigen Tag wird Lenins Körper mehrmals pro Woche balsamiert und alle 18 Monate generalüberholt.
 

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch

 

(© cpw, 2007)