Schweizer Eidgenossen

Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt, warum die Schweizer von sich selbst gern als Eidgenossen sprechen. Sämtliche staatlichen Stellen führen die Bezeichnung „eidgenössisch” im Namen. Und von Amts wegen heißt das Land auch nicht Schweiz, sondern Schweizerische Eidgenossenschaft. Es gibt wahrscheinlich wenige Länder auf der Welt, die eine ähnlich abenteuerlich-romantische Gründungsgeschichte vorzuweisen haben wie die Schweiz. Sie geht auf zwei denkwürdige Ereignisse zurück, die bis heute jedem Kind in der Schweiz geläufig sind: den Rütlischwur und die Sage von Wilhelm Tell.

Wilhelm Tell – Wahrheit oder Legende?
 
Kein anderer Schweizer ist so bekannt wie Wilhelm Tell. Das ist nicht zuletzt dem deutschen Dichter Friedrich Schiller zu verdanken, der ihm ein Drama widmete. Dabei ist umstritten, ob Tell wirklich gelebt hat. Viele halten ihn für eine Märchengestalt, manche sogar für eine nordeuropäische. Tatsächlich gibt es nämlich in Skandinavien und England mehrere Legenden, in denen ähnliche erzwungene Schießkünste, wie sie Tell zugeschrieben werden, mit anschließendem Tyrannenmord vorkommen.
 

RÜTLISCHWUR

Der Mond stand hoch in den funkelnden Sternen über dem Vierwaldstätter See. Kaum spürte man das leise Lüftchen, das vom Gotthard her über den Urner See strich. Mächtig reckten die Urner- und Schwyzerberge ihre zackigen Häupter zum Himmel empor. Ringsum war alles still, Mensch und Tier schliefen. Nur auf der waldumsäumten Rütliwiese brannte ein kleines Feuer. Vom Vierwaldstätter See herauf klatschten Ruderschläge. Die Schwyzer nahten heran. Sie landeten mit ihren beiden Kähnen und stiegen den steilen Hang empor zum geheimen Platz auf der Rütliwiese, wo die Urner sie mit unterdrücktem Jubel empfingen. Bald tauchten aus dem Walde andere Männer auf. Die Kapuzen der Hirtenhemden hatten sie über den Kopf gezogen, und in den Händen hielten sie knorrige Stöcke. Die Unterwaldner waren es, geführt vom jungen Arnold von Melchtal.

Da sprach der Schwyzer Werner Stauffacher mit feierlichem Ernst das Gelöbnis: „So erhebet, meine Freunde von Uri, Schwyz und Unterwalden, eure Hand zum Schwure! Der dreieinige Gott sei Zeuge, dass wir beschlossen haben, unsere Freiheit gegen jede fremde Macht und Gewalt zu schützen für uns und unsere Kinder!” Wie ein heiliger Chor erklang der Schwur in der stillen Nacht: „Wir geloben es.” Die Hände senkten sich, und in das versunkene Schweigen sprach der Urner Walther Fürst andächtig wie ein Gebet die Worte: „Gott sei mit euch und eurem Bunde, meine Eidgenossen!”

Die Geburtsurkunde der Schweiz
 
Der Bundesbrief, der angeblich mit dem Rütlischwur geschlossene Vertrag, gilt als „Geburtsschein” der Schweizerischen Eidgenossenschaft, wie sich die Schweiz seit 1803 amtlich nennt. Aufbewahrt wird das Dokument vom 1. August 1291 im Bundesbriefarchiv in Schwyz. Der 1. August wird von den Schweizern alljährlich als Nationalfeiertag mit Festreden, Feuerwerken und Höhenfeuern begangen, die über Berge und Täler der gesamten Alpenrepublik hinwegleuchten.
 

DIE SAGE VON WILHELM TELL

Nicht lange nach dieser nächtlichen Verschwörung, dem Rütlischwur, begab es sich, dass der Landvogt Gessler in Altdorf in der Talschaft Uri Steuern für den verhassten Grafen von Habsburg eintrieb. Als ihm der Jäger Wilhelm Tell trotzig die Ehrenbezeugung verweigerte, ließ ihn Gessler ergreifen. In seiner Unmenschlichkeit stellte er Tell vor die Wahl, entweder zu sterben oder mit seiner Armbrust einen Apfel vom Kopf seines kleinen Sohnes zu schießen. Wilhelm Tell war ein bekannter Meisterschütze, und so gelang ihm dieses gefährliche Kunststück, ohne dass er den Buben verletzte. Doch freimütig bekannte er hinterher, dass es Gessler schlecht ergangen wäre, hätte der Pfeil seinen Sohn getroffen. Der erzürnte Vogt gab daraufhin Befehl, den aufsässigen Jäger als Gefangenen auf seine Burg zu bringen. Doch Wilhelm Tell gelang unterwegs die Flucht. Mit seiner Armbrust legte er sich auf die Lauer und erschoss den heimkehrenden Gessler aus dem Hinterhalt. Dieser Tyrannenmord machte Wilhelm Tell zum Volkshelden. Er wurde zur Symbolfigur für die Unbeugsamkeit und den Freiheitsgeist der Schweizer Eidgenossen.

Wann geschah was?
 
Unklar ist, wann welches Ereignis tatsächlich stattgefunden hat und wie sie zusammenhängen. Jahrhundertelang wurden die Taten Wilhelm Tells und der Rütlischwur auf das Jahr 1307 datiert. Der Bundesbrief, der angeblich mit dem Rütlischwur geschlossene Vertrag, stammt jedoch vom 1. August 1291, wäre damit also ein Vorläufer des Rütlibundes. Um 1890 beschloss das Schweizer Bundesparlament gegen den Widerstand der drei Urkantone, Rütlischwur und Bundesbrief in eins zu setzen. Zum Trotz meißelten die Urner 1895 ihrem Tell-Denkmal in Altdorf die Jahreszahl 1307 ein.
 

VORGESCHICHTE

Um die beiden Ereignisse, die sich im Jahre 1291 zugetragen haben sollen, richtig zu verstehen, muss man ein wenig von der Vorgeschichte wissen. Alles begann damit, dass durch den Bau der Teufelsbrücke aus dem unwegsamen Sankt-Gotthard-Pass in Uri eine wichtige Handelsstraße wurde. Dies war von großer Bedeutung für das Heilige Römische Reich, nicht zuletzt weil dadurch eine bequeme Verbindung zu den norditalienischen Besitzungen entstanden war. Für den deutschen Kaiser Friedrich II. galt es nun, das Gebiet vor dem Zugriff der machtgierigen Grafen aus dem benachbarten Aargau, der Habsburger, zu bewahren. Deshalb stellte er 1231 Uri und 1240 auch Schwyz Freibriefe aus und nahm sie unter den direkten Schutz des Reiches.

Doch 1273 gelangte Rudolf aus dem Hause Habsburg auf den Kaiserthron. Er gliederte die selbständigen so genannten Waldstätten Uri und Schwyz seiner heimatlichen Grafschaft an und ließ sie unter die strenge Verwaltung von Vögten stellen. Als Rudolf im Jahre 1291 starb, wollten die Bauern von Uri und Schwyz diese Fremdbestimmung abschütteln. Sie taten sich mit den Unterwaldnern zu den drei Waldstätten zusammen und schworen sich auf dem Rütli einen ewigen Bund, den sie in einem Bundesbrief schriftlich besiegelten. Gemeinsam ging man daran, die habsburgischen Vögte zu vertreiben.

NACHSPIEL

Selbstverständlich wollten sich die Habsburger mit dem Freiheitswillen von ein paar tausend aufmüpfigen Bergbauern in ihren Stammlanden nicht abfinden. Doch als sie ihre Machtansprüche mit Waffengewalt durchzusetzen versuchten, erlitten sie im Laufe der kommenden Jahrzehnte eine Niederlage nach der anderen. Und das Selbstbewusstsein der Eidgenossen stieg. 1332 hatte sich das bis dahin habsburgische Luzern mit den drei ursprünglichen Waldstätten verbündet; es folgten 1351 Zürich, 1352 Zug und 1353 Glarus und Bern.

SELBSTSTÄNDIGKEIT UND NEUTRALITÄT

Das Bündnis dieser „Acht alten Orte” blieb zwar sehr locker, stellte aber dennoch ein selbständiges Gebilde innerhalb des Heiligen Römischen Reiches dar. Das Bemerkenswerteste daran war jedoch, dass sich in der Eidgenossenschaft nach der Vertreibung der Habsburger eine bürgerliche Gesellschaft herauszubilden begann. Die Adligen wurden entmachtet, und ihre Ländereien gingen in den Besitz der Städte und Landorte über. Einen König oder Fürsten, der über sie herrschte, gab es nicht.

Nach dem Schwabenkrieg 1499 gegen Kaiser Maximilian I., ebenfalls ein Habsburger, erlangte die Eidgenossenschaft ihre staatliche Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich. Offiziell bestätigt wurde diese Unabhängigkeit jedoch erst im Westfälischen Frieden 1648. Bis zur Eroberung durch Napoleon 1798 konnte die Schweiz ihre Unabhängigkeit bewahren. Fast schon folgerichtig war es, dass sich die Eidgenossen dann auch gegen die neuen Herren, die Franzosen, auflehnten. Vor allem sträubten sie sich gegen die neue Verfassung, die ihnen die Franzosen aufgezwungen hatten. 1803 musste Napoleon mehr oder weniger die alte Verfassung wieder herstellen, die den Kantonen große Selbständigkeit einräumte. Und seither heißt das Land auch offiziell „Schweizerische Eidgenossenschaft”. 1815, nach dem Untergang Napoleons, erstand die Schweiz wieder als unabhängiger Staat mit immerwährender Neutralität.

Die Schweizer Neutralität
 
Von ihren militärischen Erfolgen angespornt, strebten die Eidgenossen nach Eroberungen. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht 1513 waren sie sogar Schutzherren des Herzogtums Mailand. Doch als sie 1515 in der Schlacht von Marignano einer französischen und venezianischen Übermacht unterlagen, zogen sie sich zurück und erklärten ihre Neutralität, die bis heute andauert.
 

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch

 

(© cpw, 2007)