Widerstand

 

Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Dieser denkwürdige Satz fasst kurz und treffend zusammen, um was es geht. Eigentlich verstößt Widerstand gegen die Staatsgewalt und somit gegen das Gesetz. Doch sobald die Staatsgewalt das Gesetz missbraucht oder zum Schaden der Bürger beugt oder überschreitet, beginnt die Gewaltherrschaft. Und um sich gegen ungerechte oder unrechtmäßige Machthaber zu wehren, ist Widerstand erlaubt. Widerstand kann auf viele Arten geleistet werden, er reicht von der Demonstration bis hin zum bewaffneten Aufstand.

Ungerechter und ungesetzlicher Gewalt darf man durchaus gewaltsamen Widerstand entgegensetzen, wenn keine Möglichkeit besteht, mit gesetzlichen Mitteln gegen sie vorzugehen. Das meinten schon aufgeklärte Staatsdenker wie John Locke im 17. Jahrhundert. Johannes von Salisbury (1115-1180) und Wilhelm von Ockham (um 1285 bis 1349) erklärten sogar im Notfall den Tyrannenmord – also ein Attentat auf den Gewaltherrscher – für „recht und billig”. Und das will schon etwas heißen, schließlich waren die beiden ja Männer der Kirche, deren christliche Lehre schließlich gegen das Töten eintritt und dafür, dass man seine Feinde liebt.

ZIVILER UNGEHORSAM

Widerspruch, öffentliche Demonstration oder Befehlsverweigerung sind Mittel des gewaltlosen Widerstandes. Eindrucksvolle Beweise für die Kraft des gewaltlosen Widerstandes haben Mahatma Gandhi (1869-1948) und Martin Luther King (1929-1968) erbracht. Mit friedlichen Mitteln beendete Gandhi die britische Herrschaft in Indien, und Martin Luther King erstritt die vollen Bürgerrechte für die Schwarzen in den USA. Übrigens haben alle Deutschen das Recht, gegen jedermann Widerstand zu leisten, der es unternimmt, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu beseitigen. So wurde es nach dem 2. Weltkrieg (1939-1945) im Grundgesetz verankert. Nicht ohne Grund, denn gerade die Deutschen und alle Völker, die während des 2. Weltkrieges unter ihnen zu leiden hatten, wissen, wie wichtig das sein kann.

WIDERSTAND IM DRITTEN REICH

Unter der Herrschaft Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus im Dritten Reich (1933-1945) zeigte sich, dass Widerstand gegen eine Regierung, der alle Machtmittel des Polizeistaates und des Terrors zur Verfügung stehen, sehr schwierig und gefährlich ist. Besonders dann, wenn sich diese Regierung in der Bevölkerung so breiter Zustimmung erfreut und hinter jeder Ecke ein Spitzel lauert, der einen verraten kann, wie dies im Dritten Reich der Fall war.

Kirchlicher Widerstand

Vor allem der evangelischen und katholischen Kirche ist es zu verdanken, dass viele Menschen die Lügen und die Brutalität der Nationalsozialisten überhaupt wahrgenommen haben. In Predigten, Hirtenbriefen (Rundschreiben) und persönlichen Meinungsäußerungen prangerten die kirchlichen Oppositionellen immer wieder das Unrecht des nationalsozialistischen Regimes an. Anfangs hatte Hitler die christlichen Kirchen in Deutschland noch mit einigem Erfolg für seine Zwecke eingespannt. Doch weitere Versuche der Nationalsozialisten, die evangelische Kirche für ihre Zwecke zu missbrauchen, scheiterten am Widerstand der Bekennenden Kirche. Die Bekennende Kirche war eine Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche, die sich jeder politischen Vereinnahmung widersetzte und jeder Verfälschung des Evangeliums den Kampf ansagte. Ihr führender Kopf war Pfarrer Martin Niemöller (1892-1984).

Auch mit der katholischen Kirche geriet Hitler in Auseinandersetzungen. So äußerte etwa Papst Pius XI. im März 1937 seine „brennende Sorge” über die heidnische Vergötterung von Rasse, Volk und Staat in Deutschland. Er rief besonders die Jugend auf, bei aller Treue zum Staat nicht Gott und der Kirche untreu zu werden. Für Hitler war das eine Kampfansage. Hunderte aufmüpfiger Geistlicher, darunter Martin Niemöller, wurden in Konzentrationslager gesteckt. Viele Geistliche bezahlten ihren Mut zum Widerstand mit dem Leben. Niemöller war von 1938 bis zur Befreiung 1945 im Konzentrationslager eingesperrt.

Bürgerlicher und militärischer Widerstand

Ein offener Aufstand war im nationalsozialistischen Überwachungsstaat völlig aussichtslos. Es sei denn, man verfügte über ein Bündnis und die Hilfe der Wehrmacht, wie die deutsche Armee im Dritten Reich hieß. So kam es, dass der führende Mann des bürgerlichen Widerstandes, der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, den Kontakt zu gleich gesinnten Offizieren um Generaloberst Ludwig Beck suchte. Um ein möglichst breites Widerstandsbündnis zu schmieden, hielt er auch Verbindung zu den Überresten der deutschen Arbeiterbewegung, die von Hitler sofort nach der Machtergreifung 1933 zerschlagen worden war.

Eine weitere bürgerliche Widerstandsgruppe war der Kreisauer Kreis um den Grafen James von Moltke. Die Gruppe um Goerdeler und Beck entstand ab etwa 1938, der Kreisauer Kreis erst um 1940. Der Widerstand beider Gruppen blieb verhalten, solange die deutschen Truppen in den ersten zwei Jahren des 2. Weltkrieges noch an allen Fronten siegten. Beide Gruppen arbeiteten Pläne für eine neue Staats- und Gesellschaftsordnung für die Zeit nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft aus. Wie diese Herrschaft beendet werden sollte, das blieb unter den Mitgliedern der beiden Gruppen umstritten: ob durch Gewalt, also etwa die Ermordung Hitlers, oder auf gesetzlichem Weg, etwa indem man Hitler absetzte und verhaftete. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurden viele Mitglieder der beiden Gruppen mit diesem Anschlag in Verbindung gebracht und hingerichtet.

Beck und Goerdeler
Die bürgerlichen und militärischen Kreise um Carl Goerdeler und Ludwig Beck waren zunächst durchaus mit Hitlers Plänen einverstanden. Was sie dann aber doch gegen die Nationalsozialisten aufbrachte, war die Sorge um den Bestand des Reiches und die Empörung über Staatsterror, Gräueltaten und Massenmord. Die Offiziere wurden erst aktiv, als sich die Niederlage im Krieg abzeichnete. Vor allem der Treueid, den sie Hitler geschworen hatten, hielt sie lange vom Widerstand ab. Beck kostete seine Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 das Leben, und auch Goerdeler wurde nach dem Attentat verhaftet und hingerichtet, obwohl er den Anschlag auf Hitler strikt abgelehnt hatte.

Widerstand aus der Arbeiterbewegung

Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern waren von Anfang an erklärte Gegner der Nationalsozialisten; aber sie waren auch untereinander zerstritten. In der irrigen Meinung, die Herrschaft der Nationalsozialisten sei nur ein vorübergehender Spuk, organisierten sie den Widerstand viel zu spät. Die Kommunisten waren in revolutionären Techniken und Untergrundarbeit geschult. Der Schwerpunkt ihrer Widerstandstätigkeit lag auf Propaganda; sie verbreiteten Druckschriften mit Aufrufen zu Demonstrationen und Streiks. In den ersten Monaten der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 wurden alle Parteien außer der NSDAP verboten, oder sie lösten sich selbst auf. Die Kommunistische Partei (KPD) wurde als erste verboten, die Sozialdemokratische Partei (SPD) folgte wenig später. Nach dem Verbot der SPD gingen auch viele Sozialdemokraten in den Untergrund. Doch sie waren unerfahren und erlitten entsprechend viele Verluste. Tausende Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter wurden in Zuchthäuser oder Konzentrationslager gesperrt.

20. Juli 1944

Als die deutsche Wehrmacht ab 1943 praktisch nur noch Niederlagen erlebte, immer mehr Soldaten völlig sinnlos starben und es absehbar war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, nahm der Widerstand in militärischen Kreisen deutlichere Formen an. Eine Gruppe von Offizieren um Claus Graf Schenk von Stauffenberg arbeitete unter dem Decknamen „Operation Walküre” Umsturzpläne aus; wichtigster Punkt und Beginn des Umsturzes sollte ein Attentat auf Hitler sein. Am 20. Juli 1944 gelang es Stauffenberg, bei einer Lagebesprechung mit Hitler in dessen Hauptquartier „Wolfsschanze” in Ostpreußen eine Zeitbombe zu zünden. In der Annahme, das Attentat sei geglückt, wagten sich Stauffenberg und seine Mitverschwörer aus der Deckung und leiteten in Berlin den Staatsstreich in die Wege. Das wurde ihnen zum Verhängnis. Denn Hitler hatte das Attentat leicht verletzt überlebt, und als dies in Berlin bekannt wurde, verlor der Umsturzversuch an Nachdruck und Entschlossenheit. Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) verhaftete 7 000 Verdächtige. Die meisten Mitglieder des Widerstandes wurden vom Volksgerichtshof abgeurteilt und hingerichtet, sofern sie nicht vorher Selbstmord begingen.

Widerstandsbewegungen der Jugend

Auch wenn die Nationalsozialisten alle Kinder und Jugendlichen in der Hitlerjugend (HJ), der Jugendorganisation des Dritten Reiches, „gleichzuschalten” versuchten, so gab es doch immer wieder junge Menschen, die sich diesem Zwang widersetzten und den Widerstand wagten. Da gab es z. B. die Edelweißpiraten. Das waren Jugendgruppen aus dem Raum Köln, die den Drill und die Bevormundung durch die HJ verabscheuten und sich betont unangepasst gaben. Sie hoben sich oft allein schon durch ihre Kleidung und ihr Auftreten von der uniformierten, gleichförmigen Hitlerjugend ab. Auf ihren Fahrten und Wanderungen suchten die Edelweißpiraten bewusst die handgreifliche Auseinandersetzung mit Angehörigen der Hitlerjugend. Der 16-jährige Bartholomäus Schink und einige weitere Edelweißpiraten wurden am 10. November 1944 von den Nationalsozialisten ohne Gerichtsverfahren öffentlich gehängt, weil sie einen Anschlag auf das Hauptquartier der Kölner Gestapo geplant hatten. Viele der Edelweißpiraten wurden in das Jugend-KZ Moringen gesperrt.

Eine der berühmtesten Widerstandsgruppen war die Weiße Rose. Sie bestand aus Münchener Studenten um den Philosophieprofessor Kurt Huber, die aus Gewissensgründen den gewaltlosen Widerstand gegen die Hitlerdiktatur aufnahmen. Bekannteste Mitglieder waren die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Zusammen mit Freunden verbreiteten sie Flugblätter, die zum Widerstand aufriefen. Im Februar 1943 wurden sie entdeckt und zum Tod verurteilt.

Georg Elser und andere Einzelkämpfer
Es gab eine beträchtliche Zahl mehr oder weniger namenloser Einzelkämpfer gegen die Hitlerdiktatur. Immer wieder wird von mutigen Privatpersonen berichtet, die Juden das Leben retteten oder Verfolgten zur Flucht verhalfen. Darunter waren auch Männer wie der einsame Attentäter Georg Elser. Der schwäbische Kunstschreiner verübte am 8. November 1939 während einer Gedenkveranstaltung im Münchener Bürgerbräukeller einen Bombenanschlag. Doch Adolf Hitler, dem die Bombe galt, hatte den Saal früher als geplant verlassen. Georg Elser wurde auf der Flucht in die Schweiz verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Wenige Tage vor Kriegsende wurde er dort ermordet.

Widerstand in den besetzten Gebieten

In dem Maße, wie Hitler im 2. Weltkrieg seine Herrschaft über Europa ausdehnte, erhob sich in den eroberten Ländern der Widerstand. Auslöser waren Zorn über die Niederlage, Hass gegen die Besatzer, Ärger über die wirtschaftliche Ausbeutung und Empörung über die Verschleppung und Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten. Ähnlich wie in Deutschland verhielt sich jedoch der größte Teil der Bevölkerung aus Angst abwartend oder arbeitete aus Eigennutz oder Überzeugung mit den deutschen Besatzern zusammen. Widerstand bedeutete immer auch Trennung von Familie und Freunden, Entbehrungen, Verfolgung und das Risiko von Folter und Tod.

Die größte Unterstützung für die Widerstandskämpfer leistete Großbritannien. Der britische Rundfunk BBC sendete rund um die Uhr Nachrichten in 18 verschiedene Länder, um den Kampfgeist der Besiegten aufrechtzuerhalten. Flugzeuge warfen fast jede Nacht Waffen und Propagandamaterial über dem Kontinent ab. Die britische Armee trainierte Befreiungskämpfer aus den besiegten Ländern. Vor allem die französische Widerstandsbewegung Résistance wurde von England aus versorgt.

Propaganda, Sabotage, Attentate

Der Widerstand bediente sich verschiedener Mittel und Methoden. Flüsterpropaganda, Plakate, Handzettel und Flugblätter informierten die Bevölkerung und ermutigten sie zum Durchhalten. In der Industrie behinderten Ingenieure, Angestellte, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene die Rüstungsproduktion durch Konstruktionsfehler, schleppende Arbeit und Fehlleitung von Transporten. Als die Alliierten – die verbündeten Gegner Hitlers – auf dem Vormarsch waren, verlegten sich die Widerstandskämpfer auf Sabotage und Spionage. Telefon- und Stromleitungen wurden unterbrochen, Vorrats- und Waffenlager angezündet, Brücken und Eisenbahnlinien gesprengt. Geschulte Kräfte kundschafteten militärische Pläne und Waffentechniken aus und gaben sie über geheime Nachrichtenverbindungen an die Alliierten weiter. Überfälle und Attentate auf deutsche Besatzungssoldaten und Amtsträger häuften sich. Das prominenteste Opfer von Widerstandskämpfern war Reinhard Heydrich, der die Verschleppung der Juden aus den besetzten Gebieten und ihre Ermordung in Vernichtungslagern leitete. Er starb 1942 in Prag durch eine Handgranate, die ein aus England eingeflogener tschechischer Agent geworfen hatte.

Partisanenkrieg und Aufstände

Unterdessen tobte in vielen der besetzten Gebiete der Partisanenkrieg, besonders in Frankreich, auf dem Balkan sowie in der Sowjetunion, wo sich bis zu einer Viertelmillion Partisanen am Kampf gegen die deutschen Eindringlinge beteiligten. Um sich der Widerstandskämpfer zu erwehren, mussten Truppen von der Wehrmacht abkommandiert werden, die dann im Krieg an den Fronten fehlten. Nirgendwo war der Widerstand so geschlossen wie in Polen. Im August 1944 erhoben sich in Warschau polnische Patrioten zum Aufstand. Doch sie unterlagen der deutschen Übermacht, die die Hauptstadt in ein Trümmerfeld verwandelte.

Die Juden leisteten im Allgemeinen keinen Widerstand. Eine Ausnahme bildete der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943. Als die Hälfte der dort zusammengetriebenen Juden bereits in die Vernichtungslager abtransportiert war, entschlossen sich die Zurückgebliebenen mit dem Mut der Verzweiflung, den bewaffneten Kampf um ihr Leben aufzunehmen. Nach fünf Wochen erbitterter Gefechte erlahmten ihre Kräfte. Die Nationalsozialisten ließen das Ghetto dem Erdboden gleichmachen und verschleppten die Überlebenden in die Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka.

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von:
Roland Detsch

(© cpw, 2007)