Unter der Herrschaft
Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus im Dritten Reich
(1933-1945) zeigte sich, dass Widerstand gegen eine Regierung, der
alle Machtmittel des Polizeistaates und des Terrors zur Verfügung
stehen, sehr schwierig und gefährlich ist. Besonders dann, wenn sich
diese Regierung in der Bevölkerung so breiter Zustimmung erfreut und
hinter jeder Ecke ein Spitzel lauert, der einen verraten kann, wie
dies im Dritten Reich der Fall war.
Kirchlicher Widerstand
Vor allem der
evangelischen und katholischen Kirche ist es zu verdanken, dass
viele Menschen die Lügen und die Brutalität der Nationalsozialisten
überhaupt wahrgenommen haben. In Predigten, Hirtenbriefen
(Rundschreiben) und persönlichen Meinungsäußerungen prangerten die
kirchlichen Oppositionellen immer wieder das Unrecht des
nationalsozialistischen Regimes an. Anfangs hatte Hitler die
christlichen Kirchen in Deutschland noch mit einigem Erfolg für
seine Zwecke eingespannt. Doch weitere Versuche der
Nationalsozialisten, die evangelische Kirche für ihre Zwecke zu
missbrauchen, scheiterten am Widerstand der Bekennenden Kirche. Die
Bekennende Kirche war eine Bewegung innerhalb der evangelischen
Kirche, die sich jeder politischen Vereinnahmung widersetzte und
jeder Verfälschung des Evangeliums den Kampf ansagte. Ihr führender
Kopf war Pfarrer Martin Niemöller (1892-1984).
Auch mit der
katholischen Kirche geriet Hitler in Auseinandersetzungen. So
äußerte etwa Papst Pius XI. im März 1937 seine „brennende Sorge”
über die heidnische Vergötterung von Rasse, Volk und Staat in
Deutschland. Er rief besonders die Jugend auf, bei aller Treue zum
Staat nicht Gott und der Kirche untreu zu werden. Für Hitler war das
eine Kampfansage. Hunderte aufmüpfiger Geistlicher, darunter Martin
Niemöller, wurden in Konzentrationslager gesteckt. Viele Geistliche
bezahlten ihren Mut zum Widerstand mit dem Leben. Niemöller war von
1938 bis zur Befreiung 1945 im Konzentrationslager eingesperrt.
Bürgerlicher und militärischer Widerstand
Ein offener
Aufstand war im nationalsozialistischen Überwachungsstaat völlig
aussichtslos. Es sei denn, man verfügte über ein Bündnis und die
Hilfe der Wehrmacht, wie die deutsche Armee im Dritten Reich hieß.
So kam es, dass der führende Mann des bürgerlichen Widerstandes, der
ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, den Kontakt zu
gleich gesinnten Offizieren um Generaloberst Ludwig Beck suchte. Um
ein möglichst breites Widerstandsbündnis zu schmieden, hielt er auch
Verbindung zu den Überresten der deutschen Arbeiterbewegung, die von
Hitler sofort nach der Machtergreifung 1933 zerschlagen worden war.
Eine weitere
bürgerliche Widerstandsgruppe war der Kreisauer Kreis um den Grafen
James von Moltke. Die Gruppe um Goerdeler und Beck entstand ab etwa
1938, der Kreisauer Kreis erst um 1940. Der Widerstand beider
Gruppen blieb verhalten, solange die deutschen Truppen in den ersten
zwei Jahren des 2. Weltkrieges noch an allen Fronten siegten. Beide
Gruppen arbeiteten Pläne für eine neue Staats- und
Gesellschaftsordnung für die Zeit nach dem Ende der
nationalsozialistischen Herrschaft aus. Wie diese Herrschaft beendet
werden sollte, das blieb unter den Mitgliedern der beiden Gruppen
umstritten: ob durch Gewalt, also etwa die Ermordung Hitlers, oder
auf gesetzlichem Weg, etwa indem man Hitler absetzte und verhaftete.
Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurden viele
Mitglieder der beiden Gruppen mit diesem Anschlag in Verbindung
gebracht und hingerichtet.
Beck und Goerdeler
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| Die bürgerlichen und militärischen Kreise um
Carl Goerdeler und Ludwig Beck waren zunächst durchaus mit
Hitlers Plänen einverstanden. Was sie dann aber doch gegen die
Nationalsozialisten aufbrachte, war die Sorge um den Bestand
des Reiches und die Empörung über Staatsterror, Gräueltaten
und Massenmord. Die Offiziere wurden erst aktiv, als sich die
Niederlage im Krieg abzeichnete. Vor allem der Treueid, den
sie Hitler geschworen hatten, hielt sie lange vom Widerstand
ab. Beck kostete seine Beteiligung am Attentat vom 20. Juli
1944 das Leben, und auch Goerdeler wurde nach dem Attentat
verhaftet und hingerichtet, obwohl er den Anschlag auf Hitler
strikt abgelehnt hatte. |
Widerstand aus der Arbeiterbewegung
Kommunisten,
Sozialdemokraten und Gewerkschaftern waren von Anfang an erklärte
Gegner der Nationalsozialisten; aber sie waren auch untereinander
zerstritten. In der irrigen Meinung, die Herrschaft der
Nationalsozialisten sei nur ein vorübergehender Spuk, organisierten
sie den Widerstand viel zu spät. Die Kommunisten waren in
revolutionären Techniken und Untergrundarbeit geschult. Der
Schwerpunkt ihrer Widerstandstätigkeit lag auf Propaganda; sie
verbreiteten Druckschriften mit Aufrufen zu Demonstrationen und
Streiks. In den ersten Monaten der nationalsozialistischen
Herrschaft 1933 wurden alle Parteien außer der NSDAP verboten, oder
sie lösten sich selbst auf. Die Kommunistische Partei (KPD) wurde
als erste verboten, die Sozialdemokratische Partei (SPD) folgte
wenig später. Nach dem Verbot der SPD gingen auch viele
Sozialdemokraten in den Untergrund. Doch sie waren unerfahren und
erlitten entsprechend viele Verluste. Tausende Kommunisten,
Sozialdemokraten und Gewerkschafter wurden in Zuchthäuser oder
Konzentrationslager gesperrt.
20. Juli 1944
Als die deutsche
Wehrmacht ab 1943 praktisch nur noch Niederlagen erlebte, immer mehr
Soldaten völlig sinnlos starben und es absehbar war, dass
Deutschland den Krieg verlieren würde, nahm der Widerstand in
militärischen Kreisen deutlichere Formen an. Eine Gruppe von
Offizieren um Claus Graf Schenk von Stauffenberg arbeitete unter dem
Decknamen „Operation Walküre” Umsturzpläne aus; wichtigster Punkt
und Beginn des Umsturzes sollte ein Attentat auf Hitler sein. Am 20.
Juli 1944 gelang es Stauffenberg, bei einer Lagebesprechung mit
Hitler in dessen Hauptquartier „Wolfsschanze” in Ostpreußen eine
Zeitbombe zu zünden. In der Annahme, das Attentat sei geglückt,
wagten sich Stauffenberg und seine Mitverschwörer aus der Deckung
und leiteten in Berlin den Staatsstreich in die Wege. Das wurde
ihnen zum Verhängnis. Denn Hitler hatte das Attentat leicht verletzt
überlebt, und als dies in Berlin bekannt wurde, verlor der
Umsturzversuch an Nachdruck und Entschlossenheit. Die Gestapo
(Geheime Staatspolizei) verhaftete 7 000 Verdächtige. Die meisten
Mitglieder des Widerstandes wurden vom Volksgerichtshof abgeurteilt
und hingerichtet, sofern sie nicht vorher Selbstmord begingen.
Widerstandsbewegungen der Jugend
Auch wenn die
Nationalsozialisten alle Kinder und Jugendlichen in der Hitlerjugend
(HJ), der Jugendorganisation des Dritten Reiches, „gleichzuschalten”
versuchten, so gab es doch immer wieder junge Menschen, die sich
diesem Zwang widersetzten und den Widerstand wagten. Da gab es z. B.
die Edelweißpiraten. Das waren Jugendgruppen aus dem Raum Köln, die
den Drill und die Bevormundung durch die HJ verabscheuten und sich
betont unangepasst gaben. Sie hoben sich oft allein schon durch ihre
Kleidung und ihr Auftreten von der uniformierten, gleichförmigen
Hitlerjugend ab. Auf ihren Fahrten und Wanderungen suchten die
Edelweißpiraten bewusst die handgreifliche Auseinandersetzung mit
Angehörigen der Hitlerjugend. Der 16-jährige Bartholomäus Schink und
einige weitere Edelweißpiraten wurden am 10. November 1944 von den
Nationalsozialisten ohne Gerichtsverfahren öffentlich gehängt, weil
sie einen Anschlag auf das Hauptquartier der Kölner Gestapo geplant
hatten. Viele der Edelweißpiraten wurden in das Jugend-KZ Moringen
gesperrt.
Eine der
berühmtesten Widerstandsgruppen war die Weiße Rose. Sie bestand aus
Münchener Studenten um den Philosophieprofessor Kurt Huber, die aus
Gewissensgründen den gewaltlosen Widerstand gegen die Hitlerdiktatur
aufnahmen. Bekannteste Mitglieder waren die Geschwister Hans und
Sophie Scholl. Zusammen mit Freunden verbreiteten sie Flugblätter,
die zum Widerstand aufriefen. Im Februar 1943 wurden sie entdeckt
und zum Tod verurteilt.
Georg Elser und andere Einzelkämpfer
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| Es gab eine beträchtliche Zahl mehr oder
weniger namenloser Einzelkämpfer gegen die Hitlerdiktatur.
Immer wieder wird von mutigen Privatpersonen berichtet, die
Juden das Leben retteten oder Verfolgten zur Flucht verhalfen.
Darunter waren auch Männer wie der einsame Attentäter Georg
Elser. Der schwäbische Kunstschreiner verübte am 8. November
1939 während einer Gedenkveranstaltung im Münchener
Bürgerbräukeller einen Bombenanschlag. Doch Adolf Hitler, dem
die Bombe galt, hatte den Saal früher als geplant verlassen.
Georg Elser wurde auf der Flucht in die Schweiz verhaftet und
in das KZ Dachau gebracht. Wenige Tage vor Kriegsende wurde er
dort ermordet. |
Widerstand in den besetzten Gebieten
In dem Maße, wie
Hitler im 2. Weltkrieg seine Herrschaft über Europa ausdehnte, erhob
sich in den eroberten Ländern der Widerstand. Auslöser waren Zorn
über die Niederlage, Hass gegen die Besatzer, Ärger über die
wirtschaftliche Ausbeutung und Empörung über die Verschleppung und
Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten. Ähnlich wie in
Deutschland verhielt sich jedoch der größte Teil der Bevölkerung aus
Angst abwartend oder arbeitete aus Eigennutz oder Überzeugung mit
den deutschen Besatzern zusammen. Widerstand bedeutete immer auch
Trennung von Familie und Freunden, Entbehrungen, Verfolgung und das
Risiko von Folter und Tod.
Die größte
Unterstützung für die Widerstandskämpfer leistete Großbritannien.
Der britische Rundfunk BBC sendete rund um die Uhr Nachrichten in 18
verschiedene Länder, um den Kampfgeist der Besiegten
aufrechtzuerhalten. Flugzeuge warfen fast jede Nacht Waffen und
Propagandamaterial über dem Kontinent ab. Die britische Armee
trainierte Befreiungskämpfer aus den besiegten Ländern. Vor allem
die französische Widerstandsbewegung Résistance wurde von England
aus versorgt.
Propaganda, Sabotage, Attentate
Der Widerstand
bediente sich verschiedener Mittel und Methoden. Flüsterpropaganda,
Plakate, Handzettel und Flugblätter informierten die Bevölkerung und
ermutigten sie zum Durchhalten. In der Industrie behinderten
Ingenieure, Angestellte, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene die
Rüstungsproduktion durch Konstruktionsfehler, schleppende Arbeit und
Fehlleitung von Transporten. Als die Alliierten – die verbündeten
Gegner Hitlers – auf dem Vormarsch waren, verlegten sich die
Widerstandskämpfer auf Sabotage und Spionage. Telefon- und
Stromleitungen wurden unterbrochen, Vorrats- und Waffenlager
angezündet, Brücken und Eisenbahnlinien gesprengt. Geschulte Kräfte
kundschafteten militärische Pläne und Waffentechniken aus und gaben
sie über geheime Nachrichtenverbindungen an die Alliierten weiter.
Überfälle und Attentate auf deutsche Besatzungssoldaten und
Amtsträger häuften sich. Das prominenteste Opfer von
Widerstandskämpfern war Reinhard Heydrich, der die Verschleppung der
Juden aus den besetzten Gebieten und ihre Ermordung in
Vernichtungslagern leitete. Er starb 1942 in Prag durch eine
Handgranate, die ein aus England eingeflogener tschechischer Agent
geworfen hatte.
Partisanenkrieg und Aufstände
Unterdessen tobte
in vielen der besetzten Gebiete der Partisanenkrieg, besonders in
Frankreich, auf dem Balkan sowie in der Sowjetunion, wo sich bis zu
einer Viertelmillion Partisanen am Kampf gegen die deutschen
Eindringlinge beteiligten. Um sich der Widerstandskämpfer zu
erwehren, mussten Truppen von der Wehrmacht abkommandiert werden,
die dann im Krieg an den Fronten fehlten. Nirgendwo war der
Widerstand so geschlossen wie in Polen. Im August 1944 erhoben sich
in Warschau polnische Patrioten zum Aufstand. Doch sie unterlagen
der deutschen Übermacht, die die Hauptstadt in ein Trümmerfeld
verwandelte.
Die Juden
leisteten im Allgemeinen keinen Widerstand. Eine Ausnahme bildete
der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943. Als die Hälfte der dort
zusammengetriebenen Juden bereits in die Vernichtungslager
abtransportiert war, entschlossen sich die Zurückgebliebenen mit dem
Mut der Verzweiflung, den bewaffneten Kampf um ihr Leben
aufzunehmen. Nach fünf Wochen erbitterter Gefechte erlahmten ihre
Kräfte. Die Nationalsozialisten ließen das Ghetto dem Erdboden
gleichmachen und verschleppten die Überlebenden in die
Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka.