Wilder Westen

Sie sind die Helden unzähliger Abenteuerbücher und Westernfilme: Wyatt Earp, Billy the Kid, Calamity Jane, Buffalo Bill und Wild Bill Hickok. Raue Cowboys und kaltblütige Desperados mit locker sitzenden Colts, Schießereien unter freiem Himmel und Schlägereien im Saloon, Postkutschenüberfälle und Indianerangriffe – so stellen wir uns den Wilden Westen vor. Doch was steckt wirklich dahinter?

Zwischen 1800 und 1890 eroberten die Weißen den bis dahin noch unbekannten Westen des nordamerikanischen Kontinents. Sie durchquerten auf ihrem Weg nach Westen die weiten Prärien, bezwangen die Gipfel und Schluchten der Rocky Mountains, überwanden die wasserlosen Wüsten und erreichten schließlich den Pazifik. Die Ersten, die sich in die Wildnis hinauswagten, waren die Trapper und Waldläufer. Ihnen folgten die Planwagentrecks der Farmer und Rancher, die fruchtbares Land für Ackerbau und Viehzucht suchten. Und schließlich machten sich auch Handwerker und Geschäftsleute auf den Weg. Sie gründeten Städte mit Kirchen und Schulen, ernannten Ordnungshüter, die Recht und Gesetz Geltung verschaffen sollten. Aber bei der Eroberung des Westens hinkte die Zivilisation, hinkten Recht und Gesetz stets hinterher. Dort, wo die Weißen schon angekommen waren, die Zivilisation aber noch nicht, lag der Wilde Westen. Er war die Zone, wo sich der Überlebenskampf der Neuankömmlinge abspielte.

Was ist der Wilde Westen?
 
Was wir als Wilden Westen bezeichnen, war vor allem das Gebiet, das heute Mittlerer Westen genannt wird. Es liegt westlich des Flusses Missouri, der lange Zeit die Grenze zwischen besiedeltem Gebiet und der Wildnis bildete. Außerdem wird mit dem Begriff Wilder Westen auch ein Zeitraum bezeichnet, nämlich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Westen von Gesetzlosigkeit und Selbstjustiz geprägt war.
 

ERKUNDUNG DES WESTENS

Die ersten europäischen Siedler lebten entlang der Atlantikküste im Osten Nordamerikas. Bis 1790 hatten sie gerade einmal den schmalen Streifen bis zum Gebirgszug der Appalachen besiedelt. Das riesige Land jenseits davon, wo sich die Jagdgründe der Indianer befanden, betrachteten die Spanier als ihr Eigentum. Ihr Kolonialreich erstreckte sich über eine gewaltige Fläche vom Golf von Mexiko im Süden bis zur heutigen kanadischen Grenze im Norden. Die Spanier überließen dieses weitgehend unerforschte Gebiet im Jahr 1800 dem französischen Feldherrn Napoleon, der es 1803 aus Geldmangel an die USA verkaufte – ein ausnehmend gutes Geschäft für die Amerikaner.

Gut 20 Jahre nach ihrer Gründung 1776 wuchsen die USA damit auf einen Schlag um zwei Millionen Quadratkilometer auf mehr als das Doppelte ihrer Größe an. Schon im Jahr darauf unternahm ein Erkundungstrupp unter der Leitung von Meriwether Lewis und William Clark eine Expedition in den Westen. Es gelang ihnen, einen Weg über das Hochgebirge der Rocky Mountains ausfindig zu machen und bis zur Pazifikküste vorzudringen. Sie wurden damit zu Wegbereitern der Wanderung nach Westen.

Gekauftes und geraubtes Land
 
In der Zeit der großen Westwanderung verleibten sich die USA immer mehr Land ein. So kauften sie beispielsweise den Spaniern 1819 für fünf Millionen US-Dollar Florida ab, und 1845 erfolgte die Eingliederung von Texas. Den größten Landgewinn machten die Amerikaner jedoch durch den Raub von Indianerland.
 

LAND DER ABENTEUER UND VERHEISSUNGEN

Die unermesslichen Weiten der Prärien und der Wild- und Fischreichtum in den Wäldern, Flüssen und Bergen zogen zunächst abenteuerlustige Einzelgänger an. Als Pelztierjäger und Trapper (Fallensteller, von englisch trap für „Falle”) stießen diese Naturburschen in Gebiete vor, die noch kein weißer Mann je zu Gesicht bekommen hatte. Sie pflegten gute Beziehungen zu den Indianern und kundschafteten neue Wege aus. Auf diesen Wegen zogen ab 1840 Siedler in großer Zahl in Richtung Westen. Sie eroberten zuerst den „Mittleren Westen”, also das Waldland bis zum Mississippi, und ab 1850 den „Fernen Westen” bis zum Pazifik.

Viele dieser Pioniere (Vorkämpfer) waren Leute, die nur der kleinstädtischen Enge im Osten entfliehen wollten. Andere waren Auswanderer aus Europa, die in Amerika ein neues Leben beginnen wollten. Wieder andere waren Anhänger christlicher Sekten, die sich auf die Suche nach dem „gelobten Land” machten und in der Abgeschiedenheit des Westens nach ihren Glaubensgrundsätzen leben wollten. Auch Glücksritter befanden sich darunter, die dem Lockruf des Geldes und Goldes folgten, z. B. während des Goldrausches von 1849. Doch die Mehrzahl machte sich aus Not auf den Weg. Sie hatten nichts zu verlieren. Aber sie hatten die Chance, im Westen billig Land zu erwerben, dort ein Auskommen zu finden und ihr eigener Herr zu sein. Ab 1862 stellte die Regierung per Gesetz jedem Neusiedler bis zu 64 Hektar preiswertes Land in Aussicht.

Der Wilde Westen und die Waffen
 
Auch wenn die Menschen lange nicht so schießwütig waren, wie man es aus den vielen Westernfilmen kennt, hat doch kein anderes Gerät den Wilden Westen derart beherrscht wie die Feuerwaffe. Sie war der ständige Begleiter der Siedler und Cowboys. Revolver oder Gewehr waren unentbehrlich für die Nahrungsbeschaffung und die Selbstverteidigung. Das in den USA bis heute bestehende Recht auf Waffenbesitz ist ein Überbleibsel aus der Pionierzeit.
 

RECHT DES STÄRKEREN

Der „Wilde” Westen wird nicht zuletzt deshalb so genannt, weil fernab des Einflusses der Regierung in Washington ein Zustand der Recht- und Gesetzlosigkeit herrschte. Die neuen Siedlungsgebiete wurden zu beliebten Zufluchtsorten für allerhand schräge Vögel und Banditen. Um sich selbst und ihren Besitz verteidigen zu können, blieb den Siedlern nichts anderes übrig, als sich zu bewaffnen. Und da es an Ordnungshütern und Gerichten mangelte, herrschte das Recht des Stärkeren. Es war die Zeit der Revolvermänner, die ihre Hand schnell am Colt hatten. Wenn ein Verbrecher erwischt wurde, wurde oft Selbstjustiz geübt, ohne Gerichtsverfahren oder einen Richter. Die Siedler machten im wahrsten Sinne des Wortes kurzen Prozess mit Banditen.

Sheriff, Marshall & Co.
 
Innerhalb einer Stadt hatte der Marshall für Recht und Ordnung zu sorgen. Er wurde von der Stadtverwaltung angestellt und bezahlt. Zur Unterstützung war ihm häufig ein Hilfsmarshall unterstellt. Außerdem konnte er für besondere Einsätze Bürger zu Hilfspolizisten vereidigen. Dagegen war der Sheriff für einen ganzen Bezirk zuständig. Er wurde von der Bevölkerung für die Dauer von zwei bis vier Jahren gewählt. Er vollstreckte Haftbefehle und Gerichtsurteile und war nicht selten als Henker tätig. Unterstützt wurde er dabei von Hilfssheriffs. Die wenigsten Richter im Wilden Westen waren studierte Juristen oder kannten die Gesetzbücher. Sie ließen sich bei der Urteilsfindung vom 'gesunden Menschenverstand' und vom Rechtsempfinden ihrer Mitbürger leiten.
 

COWBOYMYTHOS

Zur legendärsten Figur des Wilden Westens wurde der Cowboy; er verkörpert heute noch Freiheit und Abenteuer. Als schlecht entlohnter Viehhirte und Hilfsarbeiter auf den Ranches, den Landgütern der großen „Rinderbarone”, war er in Wirklichkeit kaum zu beneiden. Viele der Cowboys waren Schwarze, Mexikaner oder Indianer. Die Art und Weise, wie sie zu Pferd das Vieh hüteten, übernahmen die Cowboys von den Indianern. Und die hatten es wiederum von den Spaniern gelernt. Die Cowboys traten vor allem nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) in Erscheinung, als die Besiedlung des Westens in rasendem Tempo voranschritt. Der steigende Fleischbedarf in den Großstädten im Norden und Osten der USA versprach satte Gewinne. Vor allem in Texas, Kansas, Nebraska und Wyoming, wo es Weideland im Überfluss gab, verlegten sich deshalb viele Grundbesitzer ausschließlich auf die Viehwirtschaft. Die riesigen Rinderherden zu den Verladebahnhöfen zu treiben, von wo aus die Tiere nach Osten transportiert wurden, war nun ebenfalls Aufgabe der Cowboys. Als um 1900 die meisten Weidegründe eingezäunt und das Eisenbahnnetz immer weiter ausgebaut wurde, war die große Zeit der Cowboys vorbei.

DAS „EISERNE PFERD” BRAUST NACH WESTEN

1869 wurde die erste Eisenbahnstrecke fertig gestellt, die den gesamten Kontinent durchquerte, vom Osten über den Mittleren Westen bis zum Pazifik. Die Eisenbahn trug ganz entscheidend zur endgültigen Erschließung des Westens bei. Die Eröffnung von Viehverladebahnhöfen läutete ab 1871 die Zeit der großen Viehtriebe zu den „Rinderstädten” Abilene, Newton, Wichita oder Dodge City ein. Gold-, Silber-, Kupfer- und Zinkfunde führten etwa zu derselben Zeit zur Entstehung der Staaten Colorado, Nevada, Idaho und Montana, die zu einem großen Teil vom Bergbau lebten. 1880 war Nordamerika vom Atlantik bis zum Pazifik von Weißen besiedelt.

Der Pony Express
 
Bevor die Eisenbahn die Ost- mit der Westküste verband, war es ziemlich beschwerlich und kostete viel Zeit, Menschen und Material quer durch den gewaltigen Kontinent zu transportieren. Da gab es zunächst die schwerfälligen Planwagen, dann die etwas bequemeren und schnelleren Postkutschen, auch stagecoaches genannt. Briefpost wurde ab 1860 mit dem Pony Express befördert. Von Missouri nach Kalifornien brauchte ein Brief damit nur zehn Tage; dafür mussten die Pony-Express-Reiter aber 120 Kilometer am Tag zurücklegen! Nach nur eineinhalb Jahren wurde der Pony Express wieder eingestellt: Mit der schnellen Nachrichtenübermittlung durch den neu erfundenen Telegraphen konnte kein Pferd mithalten.
 

DAS ENDE DES ROTEN MANNES

Die Verlierer im Wilden Westen waren die Indianer. Vergeblich versuchten die amerikanischen Ureinwohner, ihre Jagdgründe vor dem Ansturm des weißen Mannes und vor seiner Gier nach Land und Bodenschätzen zu verteidigen. Von Anbeginn der Erschließung des Westens bekämpften sich Indianer und Siedler. Um den Indianern die Lebensgrundlage zu entziehen, machten sich weiße Jäger sogar daran, die Hauptnahrungsquelle der Prärieindianer, den Bison, auszurotten. Am Ende einer Reihe blutiger „Indianerkriege” mussten sich die wenigen Überlebenden beugen und sich mit den kargen Landstrichen begnügen, die ihnen die neuen Herren als Lebensräume zuwiesen. 1890 waren die letzten Indianerstämme bezwungen und, was von ihnen übrig geblieben war, in Reservaten eingepfercht.

Gefährliche Rothäute?
 
Welche Gefahr stellten die Indianer für die Siedlertrecks im amerikanischen Westen wirklich dar? Laut Unterlagen des US-Kriegsministeriums sind nur 168 von den Hunderttausenden, die sich auf den Weg zu neuen Siedlungsgebieten aufmachten, Indianerüberfällen zum Opfer gefallen. Aber jeder einzelne von ihnen musste dafür herhalten, das brutale, völlig überzogene Vorgehen gegen die Indianer zu rechtfertigen. Jeder zehnte Pioniere kam durch Erschöpfung, Hunger oder Krankheit ums Leben.
 

Für Kinder und Jugendliche
verfasst von: Roland Detsch

 

(© cpw, 2007)