Französischer
Dichter und Kunstkritiker. Er war ein bedeutender Wegbereiter des
Symbolismus innerhalb der französischen Literatur. Mit seinem
Werk ebnete er der Lyrik den Weg von der Romantik hin zur Moderne.
1.
LEBEN
Baudelaire
wurde am 9. April 1821 in Paris geboren und verbrachte eine
unglückliche Kindheit und Jugend, die ebenso prägend für seine
literarische Laufbahn war wie die Beziehung zur dunkelhäutigen
Jeanne Duval, von der Details in die frühe Novelle La Fanfarlo
(1847; Die Tänzerin Fanfarlo) eingeflossen sind. 1842
machte ihn eine Erbschaft finanziell unabhängig. Von nun an
führte er das ausschweifend-exzentrische Leben eines Dandys, das
darauf abzielte, seine bürgerliche Umwelt zu schockieren
(u. a. färbte er sich einmal die Haare grün). Die riesigen
von ihm ausgegebenen Summen allerdings überstiegen Baudelaires
Möglichkeiten, so dass er sich verschuldete und später versuchen
musste, seinen Lebensunterhalt durch journalistische Arbeiten zu
bestreiten. 1845 bzw. 1846 erschienen die kunsttheoretisch
bedeutenden Abhandlungen Les Salons, mit denen der Autor
das Augenmerk auf zeitgenössische Künstler wie Honoré Daumier,
Édouard Manet und – vor allem – Eugène Delacroix lenkte.
(Gustave Courbet schuf ein Porträt von ihm.) Bekannt wurde
Baudelaire 1848 durch seine Übersetzung der Werke Edgar Allan
Poes, denen er – ebenso wie den Schriften
E. T. A. Hoffmanns – wichtige Anregungen
verdankte. Das Projekt wurde 1857 mit den Erzählungen Poes
abgeschlossen.
1857
erschien auch Baudelaires epochales Hauptwerk, der Gedichtzyklus Les
Fleurs du mal (Die Blumen des Bösen), der u. a.,
wie Walter Benjamin herausstellte, erstmals die große Stadt
(Paris) zum Helden macht. Eine wichtige Figur ist der Flaneur.
Unmittelbar nach der Veröffentlichung wurde Baudelaire wegen
Erregung öffentlichen Ärgernisses angeklagt, woraufhin er nicht
nur eine Geldstrafe zahlen, sondern auch sechs als besonders
unmoralisch eingestufte Gedichte zurückziehen musste (diese
Zensurmaßnahme wurde erst 1949 aufgehoben). Mit dem Prosaband Les
Paradis artificiels (1860; Die künstlichen Paradiese)
distanzierte sich Baudelaire von seinen Versuchen einer
Bewusstseinserweiterung mittels Drogen (Wein, Opium, Haschisch)
und stellte dieser Mode der Pariser Boheme die Schöpferkraft des
Dichters entgegen: Nur so könne jener „Unendlichkeitssinn"
geweckt werden, der beim Genuss von Halluzinogenen zur
Willenlosigkeit entarte. Ein zweiter Teil des Buches übersetzt
Auszüge aus Thomas de Quinceys Confessions of an English
Opium-Eater (1821/22) teilweise wörtlich ins Französische.
Zwischen 1864 und 1866 lebte Baudelaire in Belgien, wo er infolge
einer Syphilis eine Paralyse erlitt. Er starb am 31. August
1867 in Paris.
2.
WERK
Gegenüber der – bereits von Poe verachteten –
romantischen Vorstellung dichterischer Inspiration etabliert
Baudelaire sein eher intellektualistisches Modell, das allerdings
die Schöpferkraft des Dichters miteinbezog: Die Welt wird zum
Reservoir von Zeichen, zum „Wald von Symbolen" („une
fôret de symboles"). Es gilt, diese zu zerlegen und
überraschend wieder zu verknüpfen. So entstehen ungewöhnliche
Bezüge und Entsprechungen („correspondances"), die
Erkenntniswert besitzen. Eros und Tod werden zentrale Themen:
Allein das Rätselhafte, Geheimnisvolle, Künstliche, Amoralische
besitzt noch Schönheit – und Bedeutung. Mit diesem
Schreibprogramm avancierte der Autor zur zentralen Gestalt des
Ästhetizismus und der l’art pour l’art. Mit seiner Ästhetik
des Hässlichen prägte Baudelaire die Lyrik nachfolgender
Dichter, vor allem aber Stéphane Mallarmé und Arthur Rimbaud. In
Deutschland wirkte der Dichter nach auf den Expressionismus,
namentlich auf Georg Trakl, später dann auf Paul Celan.
1869
kamen posthum Baudelaires Prosagedichte Le Spleen de Paris
heraus. Sie waren gleichsam als Gegenstück zu Les fleurs du
mal geplant (Teile waren bereits 1857 in der Zeitschrift Le
Présent erschienen). Auch hier wird die bereits in der Lyrik
thematisierte Antinomie von „Spleen" und „Ideal" –
von Niederem und Hohem, Fall und Aufschwung, „Trübsinn und
Vergeistigung" (siehe Stefan George) – wieder
heraufbeschworen. Die Kunst (namentlich die Musik Franz Liszts)
erscheint ein weiteres Mal als Möglichkeit, der Enge und der
Langeweile („L’ennuie") des Daseins zu entfliehen.
Ebenfalls aus dem Nachlass wurden L’art romantique (1886;
Die Kunst der Romantik), Curiosités esthétiques
(1868; Ästhetische Merkwürdigkeiten) und Journaux
intimes (vollständig erstmals 1887, Intime Tagebücher)
herausgegeben. Unter anderem George, Stefan Zweig und Carlo Schmid
übersetzten Baudelaires Gedichte ins Deutsche.
Claude
Debussy vertonte 1889 Cinq poèmes de Baudelaire. Ein Jahr
später kam ein Lithographienzyklus von Odilon Redon nach Die
Blumen des Bösen heraus (ein weiterer herausragender
Illustrator war Georges Henri Rouault). Der französische
Glaskünstler Emile Gallé versah einen Teil seiner Gefäße mit
dessen Gedichtzeilen. Mit Die Blusen des Böhmen lieferte
Robert Gernhardt eine Verballhornung der Fleurs
du mal.
Verfasst von:
Thomas Köster