Argentinischer
Schriftsteller, einer der wichtigsten Vertreter der modernen
lateinamerikanischen Literatur. In seinen phantastischen
Erzählungen antizipierte er entscheidende Grundzüge der
Postmoderne und schuf ein enzyklopädisches Universum, das
mythische Vorstellungen mit solchen einer rationalistischen Logik
verbindet.
1.
LEBEN
Borges wurde am 24. August 1899 als Sohn eines Anwalts
und Psychologiedozenten in Buenos Aires geboren. 1914
übersiedelte er mit seinem zunehmend erblindenden Vater und der
Mutter nach Genf, wo er als Lehrer für Deutsch, Französisch und
Latein seinen Lebensunterhalt bestritt. Auf einer Reise nach
Mallorca und Spanien entstanden erste, größtenteils verschollene
Essays und Gedichte. 1921 kehrte Borges nach Buenos Aires zurück:
Hier wurde er Beiträger zahlreicher Literaturzeitschriften und
initiierte die Wandzeitung Prisma. Weitere Gründungen (Proa,
1922; Bug, 1922) folgten. Die Lyrik dieser Zeit bringt das
Interesse des Dichters an der Geschichte Argentiniens und seine
Liebe zu Buenos Aires zum Ausdruck; gesammelt wurde sie in den
Bänden Fervor de Buenos Aires (1923, Buenos Aires mit
Inbrunst), Luna de enfrente (1925, Mond gegenüber)
und Cuarderno San Martín (1929, Notizbuch San Martin).
1930 lernte Borges den Autor Adolfo Bioy Casares kennen, mit dem
ihn eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit verband (Crónas
de Bustos Domecq, 1963, Chroniken von Bustos Domecq).
Mit Bioy Casares und den Schwestern Ocampo gehörte er fortan zur
führenden Gruppe phantastischer lateinamerikanischer Autoren um
die von Victoria Ocampo gegründete Zeitschrift Sur, der
u. a. auch Julio Cortázar seine Entdeckung verdankt (Borges
hatte dort 1950 Cortázars Erzähldebüt Das besetzte Haus
veröffentlicht). Essaybände dieser Jahre, darunter Inquisiciones
(1926, Inquisitionen) und El idioma de los argentinos
(1928, Die Sprache der Argentinier) wurden später
unterdrückt.
1938
begann Borges als Bibliothekar einer Vorortbücherei und
übersetzte Franz Kafkas Die Verwandlung. Mit der gemeinsam
mit Bioy Casares und Silvina Ocampo herausgegebenen Antología
de la literatura fantástica (1941) trug er wesentlich zur
Verbreitung und Etablierung der phantastischen Literatur nicht nur
im spanischsprachigen Raum bei. Nebenbei entstanden erste eigene
Versuche dieser Richtung, die später unter dem Obertitel Der
Garten der Pfade, die sich verzweigen in den epochalen Band Ficciones
(1944, Fiktionen) aufgenommen wurden. Tatsächlich
begründete Ficciones die Tradition des magischen Realismus
und gilt heute als einflussreichste Einzelveröffentlichung der
lateinamerikanischen Literatur überhaupt. 1946 wurde Borges
entlassen, da er kritisch zur Politik Juan Domingo Peróns
Stellung bezogen hatte. Drei Jahre später wurde er in die Academia
Goetheana aufgenommen, 1950 dann Präsident des argentinischen
Schriftstellerverbandes (bis 1953). Nach dem Sturz Peróns 1955
wurde Borges von der Revolutionsregierung zum Direktor der
Nationalbibliothek ernannt, ein Amt, das er wegen zunehmender
Erblindung und der neuerlichen Wahl Peróns zum Präsidenten 1973
niederlegte. Parallel hierzu lehrte er englische Literatur an der
Universität von Buenos Aires. Zahlreiche Auslandsreisen nach 1963
belegen Borges’ auch international gestiegenes Ansehen. 1973
wurde der Dichter zum Ehrenbürger seiner Stadt ernannt.
Nach
dem Militärputsch 1976 feierte Borges die neuen Machthaber
zunächst als Befreier, distanzierte sich aber zunehmend, nachdem
Nachrichten über Menschenrechtsverletzungen bekannt geworden
waren. 1985 erschien mit Los conjurados (Die
Verschworenen) das letzte Werk des Schriftstellers zu
Lebzeiten. Im Dezember 1985 zog Borges mit seiner Sekretärin und
späteren Ehefrau Maria Kodama (telegraphische Heirat im April
1986) nach Genf, wo er am 14. Juni 1986 verstarb. 1961
erhielt Borges gemeinsam mit Samuel Beckett den Internationalen
Verlegerpreis Formentor, 1970 den Interamerikanischen
Literaturpreis Matarazzo. Obwohl eine weltweite Umfrage des
Mailänder Corriere della Sera desselben Jahres ergab, dass
mehr Befragte ihm den Nobelpreis für Literatur zuerkennen würden
als Aleksandr Solschenizyn, der ihn erhielt, blieb Borges die
Auszeichnung zeit seines Lebens verwehrt. 1980 wurde ihm mit dem Premio
Cervantes zumindest der wichtigste spanische Literaturpreis
verliehen.
2.
WERK
Äußerst produktiv war Borges im Bereich des Essays und der
Lyrik, die er in Bänden wie Poemas 1923-1943 (1943), Poemas
1923-1953 (1954), Poemas 1923-1958 (1958) und Obra
poétrica 1923-1966 (1966) gesammelt publizierte. Berühmt
aber wurde er durch seine phantastische Prosa, die sein Interesse
am logischen Aufbau des Kriminalromans belegen (Un modelo para
la muerte, 1946, Ein Modell für einen Tod, gemeinsam
mit Bioy Casares), vor allem aber an der Möglichkeit von
Literatur, autonome Wirklichkeiten zu entwerfen. Nicht von
ungefähr setzte Umberto Eco Borges in Gestalt des blinden
Klosterbibliothekars Jorge von Burgos in Der Name der Rose
1980 ein literarisches Denkmal und trug so dem Umstand einer
Geistesverwandtschaft seiner Semiotik mit Ideen des Argentiniers
Rechnung. Ficciones (1944, Fiktionen) und El
Aleph (1949, Das Aleph) sind die wohl bedeutendsten
Sammlungen dieser Art, die auch Einflüsse der argentinischen
Gaucho-Dichtung, E. T. A. Hoffmanns und Edgar Allan
Poes sowie eine genaue Kenntnis der Bibel und der Mythenwelt
zeigen. Durch Allusionen und Zitate entsteht so ein
Verweisungssystem zwischen Fremd- und Eigentext. Besonders
deutlich wird Borges’ innerliterarisches, intertextuelles Spiel
in der Erzählung Die Bibliothek von Babel, die einen quasi
unendlichen Raum von Buchbestand imaginiert. In diesem Universum
aus nichts als Text – dem „reinen Buchstabenlabyrinth"
– existieren alle nur denkbaren Zeichenkombinationen
einschließlich der unsinnigen. Den hier arbeitenden
Bibliothekaren ist es nahezu unmöglich, ein Buch mit einer
sinnvollen Botschaft aufzuspüren. In anderen Texten greifen
faktengesicherte Realität (authentische Ereignisse, Namen
historischer Personen etc.) und pure Fiktion unentwirrbar
ineinander und verbinden sich zu einer neuen Wirklichkeit. Ein
weiteres zentrales Thema von Borges ist der Zusammenhang von
(kultureller) Erinnerung und (verschriftlichter) Sprache. Eine
Variation erfährt dieses Thema in der Erzählung Das
unerbittliche Gedächtnis, in der der Protagonist durch seine
begnadeten mnemotechnischen Fähigkeiten alle vom Spezifischen der
Objekte abstrahierende Allgemeinbegriffe zugunsten einer
individualistischen Neuordnung von Welt zu tilgen weiß.
Einige
von Borges’ in nahezu klassischer Formstrenge erzählten
Geschichten wurden erfolgreich verfilmt, darunter Hombre dela
esquina rosada (1962, Regie René Mugica) und Emma Zunz
(1969, Regie Alain Magrou). Zu Los orilleros (1975, Regie
Ricardo Luna) schrieb er gemeinsam mit Adolfo Bioy Casares das
Drehbuch. Bernardo Bertulucci ließ sich für seinen Film La
strategia del ragno von einer Erzählung des Autors
inspirieren. Weitere Texte erschienen in den Bänden El informe
de Brodie (1970, David Brodies Bericht), El oro de
los tigres (1960, Das Gold des Tigers) und El libro
de arena (1975, Das Sandbuch). Philosophische und
literarische Aufsätze wurden u. a. in den Essaysammlungen Historia
della eternidad (1936, Geschichte der Ewigkeit) und Otras
inquisiciones (1952, Befragungen) veröffentlicht. Das Libro
delcielo y del infierno (1960) enthält eine von Borges selbst
besorgte Auswahl seiner Werke. Als Herausgeber der Bibliothek
von Babel schuf er eine Bücherei seiner Vorlieben, in die
u. a. Melvilles Erzählung Bartleby, Kafkas Verwandlung
und eine Auswahl von Erzählungen Sakis Aufnahme fanden. Die auf
den Gesamtausgaben Obras completas (1974/1989) bzw. Obras
completas en colaboración aufbauende deutschsprachige
Werkausgabe des Dichters in 20 Bänden wurde 1996 mit dem
Band Persönliche Bibliothek abgeschlossen.
Verfasst von:
Thomas Köster