Borges, Jorge Luis
(1899-1986)

Argentinischer Schriftsteller, einer der wichtigsten Vertreter der modernen lateinamerikanischen Literatur. In seinen phantastischen Erzählungen antizipierte er entscheidende Grundzüge der Postmoderne und schuf ein enzyklopädisches Universum, das mythische Vorstellungen mit solchen einer rationalistischen Logik verbindet.

1. LEBEN  
Borges wurde am 24. August 1899 als Sohn eines Anwalts und Psychologiedozenten in Buenos Aires geboren. 1914 übersiedelte er mit seinem zunehmend erblindenden Vater und der Mutter nach Genf, wo er als Lehrer für Deutsch, Französisch und Latein seinen Lebensunterhalt bestritt. Auf einer Reise nach Mallorca und Spanien entstanden erste, größtenteils verschollene Essays und Gedichte. 1921 kehrte Borges nach Buenos Aires zurück: Hier wurde er Beiträger zahlreicher Literaturzeitschriften und initiierte die Wandzeitung Prisma. Weitere Gründungen (Proa, 1922; Bug, 1922) folgten. Die Lyrik dieser Zeit bringt das Interesse des Dichters an der Geschichte Argentiniens und seine Liebe zu Buenos Aires zum Ausdruck; gesammelt wurde sie in den Bänden Fervor de Buenos Aires (1923, Buenos Aires mit Inbrunst), Luna de enfrente (1925, Mond gegenüber) und Cuarderno San Martín (1929, Notizbuch San Martin). 1930 lernte Borges den Autor Adolfo Bioy Casares kennen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit verband (Crónas de Bustos Domecq, 1963, Chroniken von Bustos Domecq). Mit Bioy Casares und den Schwestern Ocampo gehörte er fortan zur führenden Gruppe phantastischer lateinamerikanischer Autoren um die von Victoria Ocampo gegründete Zeitschrift Sur, der u. a. auch Julio Cortázar seine Entdeckung verdankt (Borges hatte dort 1950 Cortázars Erzähldebüt Das besetzte Haus veröffentlicht). Essaybände dieser Jahre, darunter Inquisiciones (1926, Inquisitionen) und El idioma de los argentinos (1928, Die Sprache der Argentinier) wurden später unterdrückt.

1938 begann Borges als Bibliothekar einer Vorortbücherei und übersetzte Franz Kafkas Die Verwandlung. Mit der gemeinsam mit Bioy Casares und Silvina Ocampo herausgegebenen Antología de la literatura fantástica (1941) trug er wesentlich zur Verbreitung und Etablierung der phantastischen Literatur nicht nur im spanischsprachigen Raum bei. Nebenbei entstanden erste eigene Versuche dieser Richtung, die später unter dem Obertitel Der Garten der Pfade, die sich verzweigen in den epochalen Band Ficciones (1944, Fiktionen) aufgenommen wurden. Tatsächlich begründete Ficciones die Tradition des magischen Realismus und gilt heute als einflussreichste Einzelveröffentlichung der lateinamerikanischen Literatur überhaupt. 1946 wurde Borges entlassen, da er kritisch zur Politik Juan Domingo Peróns Stellung bezogen hatte. Drei Jahre später wurde er in die Academia Goetheana aufgenommen, 1950 dann Präsident des argentinischen Schriftstellerverbandes (bis 1953). Nach dem Sturz Peróns 1955 wurde Borges von der Revolutionsregierung zum Direktor der Nationalbibliothek ernannt, ein Amt, das er wegen zunehmender Erblindung und der neuerlichen Wahl Peróns zum Präsidenten 1973 niederlegte. Parallel hierzu lehrte er englische Literatur an der Universität von Buenos Aires. Zahlreiche Auslandsreisen nach 1963 belegen Borges’ auch international gestiegenes Ansehen. 1973 wurde der Dichter zum Ehrenbürger seiner Stadt ernannt.

Nach dem Militärputsch 1976 feierte Borges die neuen Machthaber zunächst als Befreier, distanzierte sich aber zunehmend, nachdem Nachrichten über Menschenrechtsverletzungen bekannt geworden waren. 1985 erschien mit Los conjurados (Die Verschworenen) das letzte Werk des Schriftstellers zu Lebzeiten. Im Dezember 1985 zog Borges mit seiner Sekretärin und späteren Ehefrau Maria Kodama (telegraphische Heirat im April 1986) nach Genf, wo er am 14. Juni 1986 verstarb. 1961 erhielt Borges gemeinsam mit Samuel Beckett den Internationalen Verlegerpreis Formentor, 1970 den Interamerikanischen Literaturpreis Matarazzo. Obwohl eine weltweite Umfrage des Mailänder Corriere della Sera desselben Jahres ergab, dass mehr Befragte ihm den Nobelpreis für Literatur zuerkennen würden als Aleksandr Solschenizyn, der ihn erhielt, blieb Borges die Auszeichnung zeit seines Lebens verwehrt. 1980 wurde ihm mit dem Premio Cervantes zumindest der wichtigste spanische Literaturpreis verliehen.

2. WERK  
Äußerst produktiv war Borges im Bereich des Essays und der Lyrik, die er in Bänden wie Poemas 1923-1943 (1943), Poemas 1923-1953 (1954), Poemas 1923-1958 (1958) und Obra poétrica 1923-1966 (1966) gesammelt publizierte. Berühmt aber wurde er durch seine phantastische Prosa, die sein Interesse am logischen Aufbau des Kriminalromans belegen (Un modelo para la muerte, 1946, Ein Modell für einen Tod, gemeinsam mit Bioy Casares), vor allem aber an der Möglichkeit von Literatur, autonome Wirklichkeiten zu entwerfen. Nicht von ungefähr setzte Umberto Eco Borges in Gestalt des blinden Klosterbibliothekars Jorge von Burgos in Der Name der Rose 1980 ein literarisches Denkmal und trug so dem Umstand einer Geistesverwandtschaft seiner Semiotik mit Ideen des Argentiniers Rechnung. Ficciones (1944, Fiktionen) und El Aleph (1949, Das Aleph) sind die wohl bedeutendsten Sammlungen dieser Art, die auch Einflüsse der argentinischen Gaucho-Dichtung, E. T. A. Hoffmanns und Edgar Allan Poes sowie eine genaue Kenntnis der Bibel und der Mythenwelt zeigen. Durch Allusionen und Zitate entsteht so ein Verweisungssystem zwischen Fremd- und Eigentext. Besonders deutlich wird Borges’ innerliterarisches, intertextuelles Spiel in der Erzählung Die Bibliothek von Babel, die einen quasi unendlichen Raum von Buchbestand imaginiert. In diesem Universum aus nichts als Text – dem „reinen Buchstabenlabyrinth" – existieren alle nur denkbaren Zeichenkombinationen einschließlich der unsinnigen. Den hier arbeitenden Bibliothekaren ist es nahezu unmöglich, ein Buch mit einer sinnvollen Botschaft aufzuspüren. In anderen Texten greifen faktengesicherte Realität (authentische Ereignisse, Namen historischer Personen etc.) und pure Fiktion unentwirrbar ineinander und verbinden sich zu einer neuen Wirklichkeit. Ein weiteres zentrales Thema von Borges ist der Zusammenhang von (kultureller) Erinnerung und (verschriftlichter) Sprache. Eine Variation erfährt dieses Thema in der Erzählung Das unerbittliche Gedächtnis, in der der Protagonist durch seine begnadeten mnemotechnischen Fähigkeiten alle vom Spezifischen der Objekte abstrahierende Allgemeinbegriffe zugunsten einer individualistischen Neuordnung von Welt zu tilgen weiß.

Einige von Borges’ in nahezu klassischer Formstrenge erzählten Geschichten wurden erfolgreich verfilmt, darunter Hombre dela esquina rosada (1962, Regie René Mugica) und Emma Zunz (1969, Regie Alain Magrou). Zu Los orilleros (1975, Regie Ricardo Luna) schrieb er gemeinsam mit Adolfo Bioy Casares das Drehbuch. Bernardo Bertulucci ließ sich für seinen Film La strategia del ragno von einer Erzählung des Autors inspirieren. Weitere Texte erschienen in den Bänden El informe de Brodie (1970, David Brodies Bericht), El oro de los tigres (1960, Das Gold des Tigers) und El libro de arena (1975, Das Sandbuch). Philosophische und literarische Aufsätze wurden u. a. in den Essaysammlungen Historia della eternidad (1936, Geschichte der Ewigkeit) und Otras inquisiciones (1952, Befragungen) veröffentlicht. Das Libro delcielo y del infierno (1960) enthält eine von Borges selbst besorgte Auswahl seiner Werke. Als Herausgeber der Bibliothek von Babel schuf er eine Bücherei seiner Vorlieben, in die u. a. Melvilles Erzählung Bartleby, Kafkas Verwandlung und eine Auswahl von Erzählungen Sakis Aufnahme fanden. Die auf den Gesamtausgaben Obras completas (1974/1989) bzw. Obras completas en colaboración aufbauende deutschsprachige Werkausgabe des Dichters in 20 Bänden wurde 1996 mit dem Band Persönliche Bibliothek abgeschlossen.

Verfasst von:
Thomas Köster

 

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