Broch, Hermann
(1886-1951)
Österreichischer
Schriftsteller. Mit seiner Trilogie Die Schlafwandler schuf
er einen wichtigen Beitrag zu der von Robert Musil, Otto Flake und
Robert Müller auf jeweils eigene Weise vollzogenen Essayisierung,
d. h. Intellektualisierung, des Romans (siehe Essay).
Broch
wurde am 1. November 1886 in Wien geboren. Bevor er sich
entschloss, Mathematik, Philosophie und Psychologie zu studieren,
arbeitete er nach einem Ingenieurstudium von 1907 bis 1927 als
Assistenzdirektor in der väterlichen Spinnfabrik Teesdorf.
Während seines Studiums wurde er vom Wiener Kreis angeregt,
dessen Hilflosigkeit bei Fragen der menschlichen Existenz ihn aber
irritierte. Seine konservative Kulturkritik formulierte Broch
schon früh, u. a. in Ludwig von Fickers bedeutendem
Innsbrucker Organ des Expressionismus, Der Brenner. Dort
erschienen 1913 kürzere Essays zu Thomas Mann, Karl Kraus und
Immanuel Kant. Brochs Theorie vom bürgerlichen „Zerfall der
Werte" nach der neuzeitlichen Auflösung religiöser und
sozialer Bindung illustriert eindrucksvoll die Romantrilogie Die
Schlafwandler mit ihren Teilen Pasedow oder Die Romantik,
Esch oder Die Anarchie und Huguenau oder Die Sachlichkeit
(1931/32). In einer Industrielandschaft zwischen Köln und
Mannheim angesiedelt, bezeichnet das Schlafwandeln des
Titels den tranceartigen Zwischenzustand der Figuren zwischen
sinnentleerter Realität und beginnender Utopie. Dabei wird das
von 1888 bis 1918 spielende Geschehen immer wieder von
erläuternden Einschüben unterbrochen, um das Konzept eines
Wertezerfalls auch theoretisch zu untermauern. Formal wird an den
Versuch von Autoren wie Alfred Döblin, John Dos Passos, James
Joyce oder André Gide angeknüpft, dem traditionell stringent
erzählenden Roman angesichts einer veränderten, komplexer und
undurchdringlicher gewordenen Realität eine neue Struktur zu
geben. Maßgeblich war auch die Lektüre der Theorie des Romans
(1916) von Georg Lukács mit ihrer Leitidee einer „transzedentalen
Obdachlosigkeit" der bürgerlichen Welt. Vom Essayismus Musil’scher
Provenienz unterschied sich Brochs Verfahren durch eine strikte
Trennung reflexiver und narrativer Passagen.
1933
publizierte Broch in der renommierten Neuen Rundschau des
Berliner S. Fischer Verlags die Novellen Die Heimkehr
und Eine leichte Enttäuschung. Nach der Machtergreifung
Adolf Hitlers verlagerte er 1936 kurzzeitig den Schwerpunkt seiner
Arbeit hin zur politischen Publizistik, die gegen den Faschismus
und seine Verletzung der Menschenrechte generell, namentlich gegen
Italien und Deutschland, argumentierte. Unter dem Eindruck einer
Völkerbund-Resolution (1936/37) wechselte er zahlreiche Briefe
etwa mit Albert Einstein und Thomas Mann. Beim so genannten
Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 wurde Broch wegen
Verdachts auf oppositionelle Tätigkeit vorübergehend
festgenommen. Noch im gleichen Jahr konnte er mit Hilfe von Joyce,
Mann und Einstein über Schottland in die USA fliehen, wo er als
Dozent an der Princeton University und an der Yale University
tätig war. Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus nahm Broch
in den USA seine Studien zum Phänomen einer Psychologie der
Massen wieder auf, welche er 1918 mit der Skizze Die Straße
begonnen hatte. Hauptsächlich zwischen 1939 und 1943 entstanden,
erschienen diese Analysen erst 1959 gesammelt unter dem Titel Massenpsychologie.
Zu Brochs Spätwerk gehört Der Tod des Vergil (1945), der
sich in Form des inneren Monologs mit der Ich- und
Todeszentriertheit des sterbenden Protagonisten auseinander setzt.
Dichtung und Erkenntnis werden hier synonym gesetzt, dem Autor als
Schöpfer einer symbolischen Mythologie sinnstiftende Funktion
zuerkannt. Die elf Erzählkapitel des Novellenromans Die
Schuldlosen (1950) mit den meisterlichen Prosatexten Erzählung
der Magd Zerline und Der verlorene Sohn sind in einem
Zeitraum zwischen 1918 und 1933 angesiedelt. Auch hier untersucht
Broch die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die den Aufstieg des
Nationalsozialismus in Deutschland möglich machten. Brochs
letztes – und unvollendet gebliebenes – Romanwerk wurde
posthum unter dem Titel Bergroman (4 Bde., 1969;
erster Teil unter dem Titel Die Verzauberung)
veröffentlicht. Darin schildert er den Einbruch totalitärer
Strukturen in eine scheinbar heile Dorfidylle.
Hermann
Broch starb am 30. Mai 1951 in New Haven im US-Bundesstaat
Connecticut. Außer den oben genannten Werken veröffentlichte er
u. a. das Drama Die Entsühnung (1933) sowie die
kultur- bzw. literaturgeschichtlich bedeutenden Essays Logik
einer zerfallenen Welt (1930), Das Böse im Wertsystem der
Kunst (1933), James Joyce und die Gegenwart (1936) und Hofmannsthal
und seine Zeit (posthum 1955). In letzterem bezeichnete er die
Stimmung des Wiener Fin de Siècle als „fröhliche
Apokalypse" und formulierte nochmals den Gedanken eines
entropischen „Wert-Vakuums" in der Zeit zwischen 1870 und
1890. In letzter Zeit berufen sich so unterschiedliche Autoren und
Publizisten wie Carlos Fuentes, Milan Kundera, Susan Sontag und
Barbara Frischmuth auf Broch als literarisches Vorbild.
Verfasst von:
Thomas Köster
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