Deutsch-französischer
Lyriker
und Übersetzer rumänischer Herkunft. Mit Lyrikbänden wie Mohn und Gedächtnis
(1952), Atemwende (1967) und Fadensonnen (1968)
avancierte er zum bedeutendsten Vertreter der dichterischen
Avantgarde innerhalb der deutschen Literatur der Nachkriegszeit.
1.
LEBEN
Celan wurde am 23. November 1920 als Sohn
deutschsprachiger Juden in der rumänischen Stadt Czernowitz
(heute Tschernowzy) geboren. 1934 musste er das dortige
Oberrealgymnasium wegen zunehmender antisemitischer Übergriffe
verlassen. Während dieser Zeit vertrat Celan einen
kommunistischen Standpunkt in der Nachfolge Gustav Landauers. Nach
1938 studierte er Medizin im französischen Tours, dann Romanistik
in Czernowitz. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Stadt
wurde Celan 1941 zur Zwangsarbeit rekrutiert, zuletzt im
Straßenbau. Ein Jahr später mussten seine Eltern ins
Arbeitslager Michailowka und kamen ums Leben (Typhustod des
Vaters); vor allem die Hinrichtung der Mutter durch Genickschuß
wurde später immer wieder zum Bezugspunkt des eigenen Schreibens.
Celan selbst war bis 1943 ebenfalls im Arbeitslager interniert.
Nach einem kurzen Studium der Anglistik fand er 1945
Beschäftigung als Lektor und Übersetzer bei einem Verlag in
Bukarest. Während dieser Zeit kam er mit Rose Ausländer in
Kontakt und veröffentlichte erste Gedichte in der Zeitschrift Agora.
Auch eine Kafka-Übersetzung entstand.
1947
verließ Celan das vom Stalinismus geprägte Rumänien, um nach
einem kurzen Zwischenaufenthalt in Wien 1948 (Bekanntschaft mit
Ingeborg Bachmann) endgültig in Paris zu bleiben. Hier lernte er
Claire und Ivan Goll kennen. In Paris betrieb Celan germanistische
bzw. linguistische Studien und war anschließend an der École
Normale Supérieure als Deutschlektor tätig. Während dieser Zeit
übersetzte er u. a. Werke von Arthur Rimbaud, Aleksandr Blok,
Ossip Emiljewitsch Mandelstam, Sergej Jessenin und William
Shakespeare jeweils aus der Originalsprache kongenial ins
Deutsche. Im Herbst 1969 reiste Celan nach Israel. Um den
20. April 1970 herum nahm er sich in Paris das Leben. 1958
wurde Celan mit dem Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen,
1960 mit dem Georg-Büchner-Preis und 1964 mit dem Großen
Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.
2.
WERK
Bereits während seiner Schulzeit beschäftigte sich Celan,
der als 17-jähriger mit dem Schreiben begann, ausführlich mit
der Lyrik Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes und des
französischen Symbolismus. Seine eigene frühe, dunkel-elegische
Dichtung steht unter dem Einfluss des Surrealismus, dessen
rumänischer Sektion er zeitweilig nahestand, und verknüpft –
in Anlehnung an Mallarmé und Baudelaire – die einzelnen
Gedichte vermittels von irritierenden Bezügen und Metaphern zu
komplexen „Sprachgittern" (Sprachgitter lautet auch
der Titel eines Bandes von 1959). Neben Neologismen werden
zahlreiche biblische Motive sowie das gesamte Repertoire des
Poesiebestands verfremdet wieder aufgegriffen. Die
Sprachproblematik gerät zum wichtigen Thema: Zahlreiche der
Gedichte Celans spielen mit der in der Romantik kultivierten Form
des Fragments und versuchen, die „Schwelle" zwischen
Sagbarem und Unsagbarem präzis auszuloten (Von Schwelle zu
Schwelle, 1955). Ausgangspunkt hierbei ist das vom
Propagandaapparat des Nationalsozialismus „umhurte Wort",
dem der Dichter als Akt des Protests „das erschwiegene
Wort" entgegenstellt. So soll den „tausend Finsternissen
todbringender Rede" begegnet werden.
Zu
Celans Werk gehören die Lyrikbände Der Sand aus den Urnen
(1948), Die Niemandsrose (1963), Atemwende (1967), Fadensonnen
(1968), Lichtzwang (1970), Schneepart (1971), Zeitgehöft
(1976) sowie der Prosatext Der Meridian (1961). Darüber
hinaus schrieb er das an Georg Büchners Lenz-Erzählung
gemahnende Gespräch im Gebirg (1960). Mohn und
Gedächtnis von 1952 enthält Celans bekanntestes Gedicht Todesfuge
(1948), das sich in kryptischen Chiffren mit der Massenvernichtung
der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus auseinander
setzt und sich damit dem berühmten – und oftmals
fehlinterpretierten – Diktum Theodor W. Adornos
entgegenstellt, dass nach der Erfahrung von Auschwitz in
Deutschland kein Gedicht mehr geschrieben werden könne. Auch
zeigt gerade die Todesfuge, dass Celan keineswegs den
abgeschlossenen Bildbereich eines surrealen Kosmos anstrebte,
sondern konkret Zeitgeschichte (und eigenes Erleben) zu
verarbeiten sucht. Literatur bedeutet das „scharfe Messer"
zur Erfassung historischer Grausamkeiten. In seiner Dankesrede zur
Verleihung des Bremer Literaturpreises 1958 hat Celan sein
poetologisches Selbstverständnis dementsprechend als eines
charakterisiert, das „wirklichkeitswund und Wirklichkeit
suchend" sei. Im Spätwerk dann wird Celans virtuose Dichtung
zunehmend hermetischer, die Bildwelt immer undurchdringlicher. Das
Ich-Du-Verhältnis zwischen Text und Welt bzw. Leser („Das
Gedicht will zu einem Andern") weicht letztlich einer
lyrisch-melancholischen Einsamkeit: „Klopf die / Lichtkeile weg:
/ das schwimmende Wort / hat der Dämmer".
Verfasst von:
Thomas Köster