Deutscher
Schriftsteller und Graphiker. Mit seinem Roman Die Blechtrommel
(1959) schuf er eines der bedeutendsten Werke der deutschen
Literatur nach 1945. Sein Stil zeichnet sich durch
drastisch-realistische Detailbeschreibungen und
grotesk-phantastische Handlungsabläufe aus. In seinen meist
zeitkritischen Texten benutzt er in Anlehnung an den Schelmenroman
häufig satirische Mittel.
1.
LEBEN
Grass wurde am 16. Oktober 1927 als Sohn eines
Lebensmittelhändlers in Danzig (heute Gdañsk, Polen) geboren.
Nachdem er das dortige Gymnasium Conradinum besucht hatte, wurde
er im 2. Weltkrieg als Flakhelfer eingezogen und musste
anschließend zum Arbeitsdienst. Danach war Grass Panzerschütze
und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach 1946
arbeitete er in einem Bergwerk und absolvierte ein
Steinmetzpraktikum. Zwischen 1948 und 1952 studierte er
Bildhauerei und Graphik an der Kunstakademie in Düsseldorf, von
1953 bis 1956 Bildhauerei bei Karl Hartung an der Berliner
Akademie der Schönen Künste. Danach lebte Grass bis 1959 in
Paris. Auch gehörte er seit 1957 der Gruppe 47 an, deren
Preis er ein Jahr später für Die Blechtrommel erhielt.
(In der Erzählung Das Treffen in Telgte transponierte
Grass die Gruppentreffen 1979 in die Zeit des Dreißigjährigen
Krieges.) 1960 übersiedelte Grass nach Berlin, wo er mit
größeren Unterbrechungen – darunter Wewelsfleth (1972-1987)
– lebte. Inzwischen wohnt er in Behlendorf bei Mölln
(Schleswig-Holstein).
Zwischen
1961 und 1972 unterstützte Grass im Wahlkampf aktiv die SPD,
deren Mitglied er erst 1982 wurde, namentlich deren
Spitzenkandidaten Willy Brandt (Aus dem Tagebuch einer
Schnecke, 1972, Der Bürger und seine Stimme. Reden,
Aufsätze, Kommentare, 1974, Denkzettel. Politische Reden
und Aufsätze 1965-1976, 1978). 1992 trat er aus Protest gegen
die Asylpolitik der Partei wieder aus. 1978 stiftete Grass zu
Ehren seines großen Vorbilds Alfred Döblin (Über meinen
Lehrer Döblin und andere Vorträge, 1968) den
Alfred-Döblin-Preis. Zwischen 1983 und 1986 war er Präsident der
Berliner Akademie der Künste. Von August 1986 bis Januar 1987
hielt sich Grass in Kalkutta auf; der Besuch fand in der mit
Zeichnungen versehenen Prosa Zunge zeigen (1988) seinen
Niederschlag. Nach der Wiedervereinigung warnte er in
Feuilletonartikeln dezidiert vor einer zu voreiligen
Zusammenführung Ost- und Westdeutschlands. Grass ist Mitglied des
PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. Zu seinen zahlreichen
Literaturpreisen gehören der Georg-Büchner-Preis (1965), die
Carl-von-Ossietzky-Medaille (1968), der Fontane-Preis (1968), der
italienische Premio Viareggio (1978) und der Große Literaturpreis
der Bayrischen Akademie der Schönen Künste (1994). 1999 wurde
ihm als erstem deutschen Nachkriegsautor seit Heinrich Böll der
Nobelpreis für Literatur verliehen. Seit 1993 ist Grass
Ehrendoktor der Universitäten Kenyon College, Harvard Poznañ und
Gdañsk sowie Ehrenbürger von Gdañsk.
Zum
70. Geburtstag von Grass 1997 fand im Hamburger Thalia
Theater ein großes Fest statt, an dem zahlreiche Prominente und
Schriftstellerkollegen wie Nadine Gordimer, Peter Rühmkorf,
Christa Wolf und Siegfried Lenz teilnahmen. In seiner Laudatio bei
der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an
den türkischen Schriftsteller Yasar Kemal auf der Frankfurter
Buchmesse 1997 kritisierte Grass vehement die Waffenlieferungen
Deutschlands an die Türkei sowie die Asylpolitik der
Bundesregierung („Ich schäme mich meines Landes") und
stieß damit auf die Kritik einiger CDU-Politiker. Peter Hintze
unterstellte Grass „üble politische Polemik"; das
Innenministerium sprach von einer „unentschuldbaren
Entgleisung". Hintze weigerte sich auch nach zahlreichen
öffentlichen Protesten gegen diesen „intellektuellen Tiefstand
eines Politikers" (Regine Marquard, SPD), der an die
Schriftsteller-Beschimpfungen von Ludwig Erhard („Pinscher")
und Franz Josef Strauß („Schmeißfliegen") erinnere, seine
Kritik zurückzunehmen. In einem Kommentar hob die Süddeutsche
Zeitung hingegen hervor, dass es Grass tatsächlich gelungen
sei, ein bisher verdrängtes Thema wieder ins öffentliche
Interesse zu rücken: „In einer Zeit, in der die Roten sich
entfärben und die Grünen erröten müssen […], da muss ein
Schriftsteller Krach schlagen. Grass hat es getan. Die
Nestbeschmutzer-Beschimpfungen mag er als Kompliment akzeptieren.
Und was die Kritik an der ,barbarischen’ Wortwahl von Grass
betrifft: Da hat einer nur die Formeln der Parteisprache verlassen
und das gesagt, was vor exakt 200 Jahren Hölderlin seinen
Hyperion über die Deutschen hat sagen lassen."
2.
WERK
Grass begann seine schriftstellerische Laufbahn als Lyriker.
Seine Gedichtbände Die Vorzüge der Windhühner (1956), Gleisdreieck
(1967) und Ausgefragt (1976) fanden allerdings wenig
Beachtung beim Lesepublikum. Auch seine Theaterstücke waren im
Vergleich zu den späteren Romanen wenig erfolgreich. In
Theaterstücken wie Hochwasser (1957), Onkel, Onkel
(1957), Noch zehn Minuten bis Buffalo (1958) und Die
bösen Köche (1957) spiegelt sich deutlich der Einfluss des
Surrealismus wider. Gleiches gilt im Ansatz noch für das „deutsche
Trauerspiel" Die Plebejer proben den Aufstand (1966),
das sich dezidiert mit der Rolle Bertolt Brechts beim
Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 auseinander setzt. Hier
zeigt Grass bereits jenes politische Engagement, das er im Roman örtlich
betäubt (1969), einem Reflex auf die Studentenbewegung,
fortschrieb.
Grass’
erster Roman, Die Blechtrommel (1959), der in
barock-überbordender Sprachmanier ein weitschweifiges Panorama
der dreißiger bis fünfziger Jahre entwerfen will, begründete
seinen Weltruhm. Über die Figur Oskar Mazeraths, der im Alter von
drei Jahren beschließt, mit dem Wachsen aufzuhören, wurde das
engagierte Projekt einer Bestandsaufnahme von Kriegs- und
Nachkriegsgeschichte aus der „Froschperspektive" eines
bisweilen dämonisch-amoralischen Außenseiters formal wie
thematisch brillant umgesetzt. Die 1979 entstandene filmische
Bearbeitung von Volker Schlöndorff wurde mit einem Oscar für den
besten nicht englischsprachigen Film ausgezeichnet. (Videokopien
des Films wurden noch 1997 wegen angeblicher Obszönität nach
einem entsprechenden Gerichtsbeschluss in Oklahoma City
beschlagnahmt.) Gemeinsam mit der Novelle Katz und Maus
(1961), in deren Verfilmung der älteste Sohn Willy Brandts,
Peter, die Hauptrolle spielte, und dem Roman Hundejahre
(1963) wurde Die Blechtrommel später zur so genannten Danziger
Trilogie zusammengefasst. 1977 erschien mit Der Butt
ein weiterer bedeutender Roman des Autors, der nach einer
politisch-engagierten Schreibphase im Bestreben, „genauere
Fakten zu erfinden als die, die uns als angeblich authentisch
überliefert werden", wieder mehr von ästhetischen
Interessen zeugt. Wie in der Blechtrommel, so wird auch
hier Danzig zum Mikrokosmos eines historisch von der Jungsteinzeit
bis in die Gegenwart gespannten Erzählraums, um von der Hybris
der Menschheit angesichts ihrer drohenden Selbstvernichtung zu
berichten. Der Titel selbst verweist dabei auf das Märchen Von
dem Fischer und syne Fru, die die Zauberkraft eines Butts bis
zu völligem Machtverlust über Gebühr in Anspruch nehmen.
Grass’
Roman Ein weites Feld (1995), in dem sich der Autor mit der
Problematik der deutschen Wiedervereinigung auseinander setzt,
wurde äußerst kontrovers aufgenommen. Auf der einen Seite warf
u. a. Marcel Reich-Ranicki dem Gegner einer „Vereinigung
unter westdeutschem Vorzeichen", vor, einen sperrigen, quasi
unlesbaren Roman von zweifelhafter, dem Vorbild Theodor Fontane
nicht gerecht werdender literarischer Qualität verfasst zu haben
(der Schriftsteller taucht in Gestalt des „Fonty" im Roman
selbst auf). Andere Kritiker waren der Meinung, die negativen
Rezensionen seien lediglich auf die politischen Positionen seines
Autors zurückzuführen. Weitere Werke des Autors sind die
Lyrikbände Mariazuehren (1973), Liebe geprüft
(1974), Wie ich mich sehe (1980) und Mit Sophie in die
Pilze gegangen (1987), die Essays Über das
Selbstverständliche (1968), Aufsätze zur Literatur
(1980), Widerstand lernen. Politische Gegenreden 1980-1983
(1984) und Rede vom Verlust. Über den Niedergang der
politischen Kultur im geeinten Deutschland (1993), die Romane Kopfgeburten
oder die Deutschen sterben aus (1980) und Die Rättin
(1986; TV-Verfilmung 1997 anlässlich des 70. Geburtstages
von Grass; Regie Martin Buchhorn; mit Matthias Habich und Sunnyi
Melles) – über die Figur Oskar Mazeraths ein Versuch, die Blechtrommel
fortzusetzen – sowie die Erzählung Unkenrufe (1992).
1968 kam die Korrespondenz zwischen Grass und Pavel Kohout heraus,
1991 der Werkstattbericht Vier Jahrzehnte mit Texten,
Zeichnungen und Photographien der Jahre 1948 bis 1990. 1999 kam
mit Mein Jahrhundert eine sehr persönliche
Bestandsaufnahme des 20. Jahrhunderts mit Aquarellen des
Autors heraus.
Verfasst von:
Thomas Köster