Ende
der fünfziger Jahre geprägter unscharfer Begriff der Kultur- und
Kunsttheorie, der eine Distanzierung zeitgenössischer Künstler
von den ästhetischen Verfahren der Moderne beinhaltet.
1.
EINLEITUNG
Die Postmoderne lehnt das Innovationsstreben der Moderne ab
und diffamiert dieses selbst als automatisiert und etabliert.
Andererseits wird mit der Forderung einer prinzipiellen Offenheit
des Kunstwerkes auf die Moderne Bezug genommen. Charakteristisches
Element der Postmoderne ist ein extremer Stilpluralismus, der –
etwa in der Architektur – oftmals in einer Anhäufung von
Zitaten verschiedenster Kunstperioden kulminiert. Der Grundsatz,
dass in Literatur, Film, Architektur und bildender Kunst nichts
Neues mehr zu schaffen sei (eine Position, die freilich schon
Thomas Mann vertrat), führt hier zum spielerischen Umgang mit
vorhandenem Material. Die anscheinende „Rückbesinnung" auf
Geschichte und Traditionen aber erweist sich als Versuch, die
überlieferten Verfahrensweisen zu einem neuen Ganzen zu
collagieren. Dabei werden Grenzen zwischen Kitsch und Kunst,
Massenkultur und elitärer Kunstauffassung bewusst verwischt
(herausragendes Beispiel hierfür ist etwa der Künstler Jeff
Koons). Synonyme zu Postmoderne sind Transavantgarde
und Spätmoderne, wobei der letztere Begriff die krasse
Antithese zwischen Postmoderne und Moderne mildert. Ihr
pluralistisches Selbstverständnis hat der Postmoderne des
Öfteren den Vorwurf der Beliebigkeit eingebracht.
2.
POSTMODERNE LITERATUR
Bereits in Finnegans Wake (1939) von James Joyce ist
der spätmodernistische Versuch einer unendlichen Reflexion
vorhandenen Literaturmaterials in einer gleichsam babylonischen
Universalsprache spürbar. Ein weiterer Wegbereiter der
literarischen Postmoderne war der Argentinier Jorge Luis Borges.
Mit seinen Büchern schuf er ein enzyklopädisches Textuniversum,
in dem eigener Text mit Fremdtext korrespondiert. Dieses intertextuelle
Spiel kommt am eindrucksvollsten in Borges’ Erzählung Die
Bibliothek von Babel (1944) zum Ausdruck, die das postmoderne
Verfahren im Bild einer unendlichen, letztlich rational nicht mehr
fassbaren Bücherei imaginiert. In Italien folgte Italo Calvino
dieser Tradition. Ein wichtiger früher Vertreter postmoderner
Erzählkunst ist Thomas Pynchon, der bereits in den frühen Texten
des Spätzünder-Bandes selbst die ironische Kritik an
einer Professionalisierung postmoderner Rezeption („Rat das
Zitat") in die literarische Strategie miteinbezieht. In
Deutschland formuliert die Komödie Kaldewey, Farce von
Botho Strauß 1982 das Programm der Postmoderne und integriert
damit einen theoretischen Überbau ins (Theater-)Spiel: „Diese
Zeit, die sammelt viele Zeiten ein". Weitere deutschsprachige
Vertreter sind Peter Handke und Christoph Ransmayer. In den USA
sind William Burroughs, Kurt Vonnegut, Robert Lowell Coover, John
Fowles oder Paul Auster, in Lateinamerika Julio Cortázar und
Mario Vagas Llosa der Postmoderne zuzurechnen. In Frankreich
initiierte der Nouveau roman mit seiner Betonung des Künstlichen
der Kunst eine postmoderne Literaturtradition. Alain
Robbe-Grillets Spiel mit bestimmten Gattungsmustern (Kriminal-,
Detektiv- und Liebesroman) ist ein hervorstechendes Merkmal der
Postmoderne – es wurde etwa von Vladimir Nabokov vorweggenommen.
Der Borges-Verehrer Umberto Eco legte mit seinem Bestseller Der
Name der Rose einen mittelalterlichen Kriminalroman vor, der
postmoderne und semiotische Theorie zu einem literarischen
Konglomerat verknüpft. Weitere Beispiele für postmodernes
Schreiben sind Salman Rushdies Midnight’s Children (1981,
Mitternachtskinder), Doris Lessings Canopus in Argus
(1979-1985) und Angela Carters surrealistisches Märchen Bloody
Chamber (1979, Blaubarts Zimmer). Auch in der
postkommunistischen Sowjetunion versuchen Autoren in einer Abkehr
von den Schreibvorgaben des sozialistischen Realismus die
Unsicherheit und Heterogenität ihrer Gegenwart mit postmodernen
Verfahren literarisch zu fixieren. Hervorstechendes Stilmerkmal
hierbei ist vor allem die Groteske.
3.
POSTMODERNE ARCHITEKTUR
Der Amerikaner Charles Jencks führte den Begriff der
Postmoderne Mitte der siebziger Jahre in die Architekturdiskussion
ein, um den Stil zeitgenössischer Bauwerke zu beschreiben. Jencks
Ausführungen münden in die Forderung nach „radikalem
Eklektizismus" in der Baukunst. Dabei sollen Elemente aller
bisherigen Baustile ironisch kombiniert werden, ohne einem plumpen
Historismus zu verfallen. Das Bauwerk wird zum Zitatenspiel und
widersetzt sich somit seiner bloßen Funktionalität. Schon lange
bevor Jencks den Begriff der postmodernen Architektur prägte, war
sie in baulicher Form vorhanden. Bedeutende Vertreter sind Charles
Willard Moore, Robert Venturi, Denise Scott Brown, Aldo Rossi,
Mario Botta, Robert Stern, James Frazer Stirling oder Hans
Hollein. Siehe auch Dekonstruktivismus.
4.
POSTMODERNE PHILOSOPHIE
Eine postmoderne Richtung zeitgenössischer Philosophie
distanziert sich strikt von jeglicher Form der
Fortschrittsgläubigkeit. Hegels Wort vom „Ende der
Geschichte" in ihrem Sinn interpretierend, tritt sie vielmehr
für die freie Kombination bisheriger Erkenntnismodelle ein.
Allgemein bezeichnet der Begriff der Postmoderne
philosophisch die Reflexion über den gegenwärtigen Kulturstand.
Vor allem der französische Philosoph Jean-François Lyotard
begreift die explosionsartig zunehmende Informationsflut und den
mit der neuen Technologie verbundenen Zugriff auf beliebiges
(anonymes) Wissen als einen Charakterzug postmoderner Kultur. In
seinem Buch Das postmoderne Wissen (1986) sah Lyotard die
Autorität der großen Erzählungen (Ideologien, rationalen
Systeme etc.) am Ausgang des 20. Jahrhunderts zugunsten
kleinerer Sinnfragmente zersplittert. Diese sind beliebig
kombinierbar, ohne in ihrer Gesamtheit auf ein Sinnganzes zu
verweisen. Ein weiterer Theoretiker der postmodernen
Kulturauffassung ist Paul Virilio, der die Auflösung aller festen
raumzeitlichen Kategorien im Rausch der Geschwindigkeit
konstatiert. Siehe auch Dekonstruktion, Jacques Derrida
Verfasst von:
Thomas Köster