Roth, Joseph
(eigentlich
Moses Joseph Roth)
(1894-1939)
Österreichischer
Schriftsteller. In seinen vom Realismus des 19. Jahrhunderts
geprägten Gesellschaftsromanen wie Radetzkymarsch (1932)
und Die Kapuzinergruft (1938) entwarf er ein
resignativ-nostalgisches Panorama der untergegangenen
Donaumonarchie Österreich-Ungarn. Zentrales Motiv zur
Beschreibung des Schicksals der Ostjuden ist immer wieder der
Ahasver-Mythos (Flucht ohne Ende, 1927, Juden auf
Wanderschaft, Essays, 1927).
Roth
wurde am 2. September 1894 als Sohn eines Holz- und
Getreidehändlers im gallizischen Brody bei Lemberg geboren. Nach
einem Studium der Philosophie und Germanistik in Lemberg (1913)
und Wien (1914) nahm er nach 1916 zunächst als Feldjäger,
später als Mitarbeiter des Pressedienstes am 1. Weltkrieg
teil. Zuvor war mit der Novelle Der Vorzugsschüler 1915
Roths Erzähldebüt erschienen. Während des Militärdienstes
publizierte Roth erste Feuilletonartikel und Gedichte in Prager
und Wiener Zeitungen. 1918 kehrte er nach Wien zurück und wurde
ein Jahr später Beiträger der linksliberalen Tageszeitung Neuer
Tag. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin 1920 heiratete Roth
1922 Friederike Reichler. 1923 kehrte er nach Wien zurück. Roths
erste, zumeist vom Stil einer objektiv-distanzierten
Erzählhaltung getragenen Romane Das Spinnennetz (1923), Hotel
Savoy (1924) und Die Rebellion (1924) wurden in der Arbeiter-Zeitung,
der Frankfurter Zeitung und im Berliner Vorwärts
vorabgedruckt. Von sozialistischen Gedanken getragen, schildert
etwa Das Spinnennetz vor dem Hintergrund
zeitgeschichtlicher Ereignisse und politischer
Auseinandersetzungen die Verstrickung eines sozial verunsicherten
Kleinbürgers in Phantasmagorien der Macht. Darüber hinaus
arbeitete Roth während dieser Jahre u. a. beim Berliner
Börsenkurier und beim Prager Tagblatt mit.
1925
reiste Roth als Korrespondent der Frankfurter Zeitung nach
Paris. Ein Aufenthalt in der Sowjetunion 1926 führte zu seiner
Abkehr vom Sozialismus (Artikelserie Reise in Rußland). Es
folgten Reise nach Albanien und Briefe aus Deutschland,
beide 1927. Von nun an wurden das Ostjudentum und der Zerfall der
österreichisch-ungarischen Monarchie zu zentralen Themen, so in Flucht
ohne Ende (1927), Rechts und Links (1929), Der
stumme Prophet (1929, vollständig erstmals 1966), Hiob
(1930) und Radetzkymarsch (1932). Flucht ohne Ende
formuliert einmal mehr das Schreibprogramm einer Neuen
Sachlichkeit: „Es handelt sich nicht mehr darum, zu ,dichten’.
Das Wichtigste ist das Beobachtete." Aber bereits Hiob.
Roman eines einfachen Mannes markiert den Wandel des Autors
vom links orientierten Schriftsteller zum eher konservativen
Verfasser poetisch-mythischer, Gegenwart symbolisch überhöhender
Erzählwelten. In Roths Hauptwerk Radetzkymarsch greifen
privates Scheitern und historische Entwicklung an Hand der
Geschichte vierer Generationen der Familie Trotta unentwirrbar
ineinander: „Die Geschichte will uns nicht mehr! Diese Zeit will
sich erst selbständige Nationalstaaten schaffen."
1928,
dem Jahr des Beginns einer intensiven Freundschaft mit Stefan
Zweig, wurde Roths Frau wegen fortschreitender Schizophrenie in
eine Pflegeanstalt eingewiesen, wo man sie 1940 im Rahmen des
Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten ermordete. Während
der nächsten Jahre arbeitete der Autor für die Münchner
Neuesten Nachrichten, die Neue Rundschau und die Literarische
Welt. 1933 emigrierte Roth nach Paris, wo er, in Hotelzimmern
lebend, bei einigen Exilzeitschriften mitarbeitete, infolge
privater Probleme und politischer Desillusionierung aber immer
mehr dem Alkohol verfiel. In dieser Zeit entstanden Das falsche
Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters (1937), Die
Kapuzinergruft (1938) und Die Legende vom heiligen Trinker
(1939), die unter Zuhilfenahme anachronistischer,
hilflos-vereinsamter Protagonisten nicht zuletzt die
k. u. k. Vielvölkermonarchie als politische Alternative
zu faschistischen und nationalistischen Modellen verklären. Der
Roman Kapuzinergruft, der im Titel auf die Grabstätte der
österreichischen Kaiser anspielt, greift mit der Figur des
Leutnants Franz-Ferdinand Trotta auf den Radetzkymarsch
zurück und schildert dessen Leben in einer oberflächlichen und
sinnentleerten Scheinwelt nach dem Krieg. Am Ende steht die
resignative Erkenntnis, dass mit dem Aufkommen des
Nationalsozialismus alte Werte endgültig verloren sind („Wohin
soll ich, ich jetzt, ein Trotta?"). Die Erzählung Legende
vom heiligen Trinker beleuchtet nicht zuletzt das Schicksal
ihres Verfassers selbst, der im sterbenden Protagonisten ein Alter
ego schuf.
1936
lernte Roth in Ostende die Schriftstellerin Irmgard Keun
(1905-1982, Das kunstseidene Mädchen, 1932) kennen, mit
der er eine anderthalb Jahre andauernde Beziehung einging. 1937
und 1938 folgen letzte Reisen nach Polen (auf Einladung des
dortigen PEN-Clubs), Wien und Amsterdam. Im Todesjahr erschien Die
Geschichte von der 1002. Nacht. Roth starb am
27. Mai 1939 an den Folgen seiner Trunksucht in dem Pariser
Armenhospital Necker. Weitere Werke Roths sind Zipper und sein
Vater (1928), Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde (1934),
Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht (1936), und
Leviathan (posthum 1940). Verfilmt wurden u. a. Die
Kapuzinergruft (1971, Regie J. Schaaf), Hiob
(1978, Regie M. Kehlmann), Tarabas (1982, von
M. Kehlmann) und Das Spinnennetz (1989, Regie Bernhard
Wicki). Der Schriftsteller Hermann Kesten, zugleich Herausgeber
einer Werkausgabe des Österreichers, charakterisierte Roth
treffend als „Rigorist im Moralischen und Ästhetischen":
„Durch seine Romane schreiten Verzweifelte, besonders
Jünglinge, in den Untergang. Er liebte die Leidenschaften.
Wahrheit und Gerechtigkeit, Maß und Melodie, Vernunft und
Reinheit sind die Merkmale seiner Schriften. Er war ein
Romantiker, aber mit den Augen eines Realisten. Er kam aus dem
Osten und ging in den Westen."
Verfasst von:
Thomas Köster
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