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Das Geschäft mit der Angst
Wie die Krise den
Esoterikmarkt beflügelt
Von
Roland
Detsch
Zeiten
wirtschaftlicher Unsicherheit und grassierender Zukunftsängste
fördern den Hang zum Aberglauben. Zu den Hauptprofiteuren gehört die
Esoterik-Branche, die in den vergangenen Krisenjahren in Deutschland
einen regelrechten Boom erlebte. Vor allem crossmedial agierende
Anbieter einschlägiger Waren und Dienstleistungen, die Kunden mit
dubiosen Methoden im Fernsehen und Internet ködern, haben nicht nur
seriösen Seelsorgern den Rang abgelaufen sondern auch den
„klassischen“ Sterndeutern, Wahrsagern und Hellsehern.
Nach einer Umfrage des
Meinungsforschungsinstituts Forsa glaubt jeder zehnte Deutsche, dass
Sonne, Mond und Sterne sein Leben und Schicksal beeinflussen.
Entsprechend schwunghaft ist der Handel mit Horoskopen und anderen
Esoterika.
Als besonders anfällig für solchen Hokuspokus gelten Frauen zwischen
30 und 50 – und zwar quer durch alle Gesellschaftsschichten.
Spätestens seit in der jüngsten Wirtschaftskrise sogar namhafte
Broker und Fondsmanger offen zugegeben haben, sich bei ihren
Entscheidungen an der Börse auch von Eingebungen von
Finanzastrologen wie Henry Weingarten, Autor von „Investing by the
Stars", leiten zu lassen, ist Übersinnliches nicht einmal mehr bei
Bildungsbürgern tabu. Was bleibt, ist die Hemmung zur persönlichen
Offenbarung.
Hohes Suchtpotential
Abhilfe versprechen hier moderne
Kommunikationstechniken wie Telefon, Internetchat oder Email. Die
Möglichkeit der Kontaktaufnahme unter Wahrung der Anonymität dürfte
eines der Erfolgsrezepte der Astrohotlines sein, die in den letzten
Jahren und Jahrzehnten wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.
Verlockend sind sie auch deshalb, weil sie im Gegensatz zu seriösen
Hilfsangeboten – Seelsorge, Telefonseelsorge, Psychotherapie, die in
Deutschland häufig sogar von den Krankenkassen finanziert wird –
schnelles Heil versprechen und eine Auseinandersetzung mit den
eigenen Persönlichkeitsdefiziten ersparen. Wenn etwa nach einer
gescheiterten Beziehung ohnehin schon die nächste, bessere
Partnerschaft in den Sternen steht, erübrigt sich im Grunde eine
intensivere Beschäftigung mit Mitschuld und Trennungsschmerz.
Doch Psychologen warnen: Wer sich beim Denken,
Handeln und Fühlen auf Orakel, Prophezeiungen und Horoskope oder gar
Botschaften von Engeln oder aus dem Jenseits verlässt, dem droht
nicht nur der Verlust der Selbstständigkeit. Er riskiert auch eine
emotionale Abhängigkeit von ihren Verkündigern, die bis hin zur
Sucht reichen kann. Beweis dafür ist eine Reihe von Fällen, die in
den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgten. Der spektakulärste war
der einer klinisch depressiven Frau, die binnen sechs Monaten rund
38.000 Euro bei Gesprächen mit sogenannten „Lebensberatern“ von
Astro TV vertelefoniert hatte. Die Abrechnung bei derartigen
Hotlines erfolgt in der Regel im Minutentakt zu zwei bis drei Euro.
Sie werden auf eigenen Internetplattformen und in sogenannten
Call-In-Sendungen auf diversen Fernsehkanälen beworben. Neukunden
werden mit Gratiserstkontakten oder Sonderpreisen von 50 Cent pro
Minute „angefixt“, die freilich auch anfallen, wenn der Anrufer in
der Warteschleife hängen bleibt, was eher die Regel als die Ausnahme
ist.
Betrügerische Machenschaften
Breiten Raum nimmt auf allen Kanälen auch das
Merchandising von Glücksbringern, Devotionalien und Esoterika aller
Art ein. Das kritische Internetportal EsoWatch dokumentiert
als typisches Beispiel die Bewerbung eines angeblich mit den
energetischen Kräften des Bermudadreiecks behafteten „Wish Diamond
of Eternity“ im Astro TV Shop. Daniel Kreibich, nach eigenen
Angaben „Star-Hellseher, Medium und Lifechoach“ zahlreicher
Prominenter, preist dabei die überdimensionale wertlose Glasscherbe
zum Preis von 199 Euro, mit der sich angeblich individuelle Wünsche
ins Universum projizieren ließen, als geheimnisvolles Vermächtnis
einer gewissen „Madame Jacqueline“ an. Aufschlussreich ist auch ein
Gespräch der WDR-Talk-Radio-Sendung Domian auf derselben
EsoWatch-Seite. Dort meldet sich eine Aussteigerin zu Wort, die
aus erster Hand über die betrügerischen Machenschaften und
Geldabzockpraktiken derartiger Hotlines berichtet, für die sie unter
diversen Pseudonymen als Beraterin bis über die eigene psychische
Schmerzgrenze hinaus gearbeitet habe.
Auch hier fällt der Name Astro TV,
darüber hinaus das in Polnisch und Russisch sendende Kosmica TV.
Veranstalterin beider Programme, die mit eigenen Angeboten auch im
Internet vertreten sind, ist Marktführer Questico, unter
dessen eigenem Namen noch ein weiteres Esoterikportal existiert. Zu
den Töchtern der Aktiengesellschaft mit Sitz in Berlin gehören die
Astro & More GmbH, die unter anderem die Zeitschrift
Zukunftsblick (Auflage: 80.000) herausgibt, sowie die Noe
Astro Media GmbH, hinter der „Horoskope-König“ Winfried Noe
steckt, dessen Sterndeutungsfähigkeiten selbst unter Gläubigen in
Zweifel gerieten, als er noch kurz vor Ausbruch der Finanzkrise für
2009 stabile Börsenkurse prophezeite. Nach Einschätzung von
Analysten gehört die Questico-Gruppe zu den am schnellsten
wachsenden Firmen in Deutschland. Das Unternehmen, das nach eigenen
Angaben allein 2.500 „Berater“ beschäftigt, macht mit seinen
variantenreichen und crossmedial präsentierten Angeboten und
Formaten für TV, Internet, Print und Mobilfunk inzwischen einen
Jahresumsatz von mindestens 95 Millionen Euro.
Honorar für Hellsehen rechtens
Zweifellos eine Erfolgsgeschichte in
Anbetracht des Porträts, das das Nachrichtenmagazin Focus
offenbar in Verkennung der Realitäten noch 2001 von dem
„Ratgeber-Netzwerk“ (sic!) zeichnete: „Questico versteht sich als
Anlaufstelle im Internet für Fragen aller Art – vom PC-Absturz bis
zum Ehevertrag. Das Unternehmen fahndet in seiner Datenbank nach dem
passenden Ratgeber und schaltet ihn mit dem Hilfe suchenden Surfer
am Telefon zusammen. Virtuelle Unternehmensgründer – das vierköpfige
Team fand über das Web zueinander: zwei Deutsche, ein Wiener und ein
Amerikaner. Für Berlin entschied sich Questico, ‚weil Immobilien-
und Personalmarkt noch nicht so abgegrast sind wie etwa in München‘,
so Firmenchef Sylvius Bardt. Firmengründung: 2000. Umsatzwachstum:
75 Prozent monatlich. Mitarbeiter: 36.“
Und dass das Geschäft lukrativ bleiben wird,
dafür hat im Januar erst indirekt der Bundesgerichtshof gesorgt, als
er Honorare für Hellsehen und andere übersinnliche Dienstleistungen
auch bei unbefriedigenden Ergebnissen für rechtens erklärt hat.
Geklagt hatte eine freischaffende Kartenleserin, der ein Klient
6.700 Euro schuldig geblieben war, nachdem sie ihm bereits 35.000
Euro aus der Tasche gezogen hatte, ohne dass sich sein Schicksal
wendete. Wahrscheinlich wäre er bei einer Astrohotline zum
Sonderpreis ebenso gut bedient gewesen.
Links:
Gesellschaft zur wissenschaftlichen
Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP)
EsoWatch:
Seite über Astro TV
Astro TV-Portal
Questico-Portal
Kosmica TV-Portal
Dieser
Artikel oder eine Version erschien erstmalig auf der Website des
Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes unter www.de-cn.net...>>weiter
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