Nichts Neues

Robert Gellately über die Unterstützung der Naziverbrechen durch die Deutschen

Von Roland Detsch

Eine Neuauflage der Goldhagen-Debatte dräute manchem Kritiker, als der kanadische Historiker Robert Gellately sein neuestes Buch Backing Hitler. Consent und Coercion in Nazi Germany vorstellte. Denn obwohl sich der am Zentrum für Holocauststudien der Clark University in Massachusetts lehrende Gestapo-Experte ausdrücklich von der Generalanklage eines zum Völkermord drängenden kollektiven deutschen Antisemitismus distanzierte, hatte man bei der Lektüre seiner Thesen von einer breiten Mitwisserschaft und moralischen wie aktiven Unterstützung der Naziverbrechen in der Bevölkerung so manches Déjà-vu-Erlebnis. Nun ist bei DVA die deutsche Ausgabe des Buches unter dem fragwürdigen Titel Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk erschienen.

Gemessen an der erstaunlichen Resonanz bietet Gellatelys zugegebenermaßen gut lesbares und auch informatives Werk indessen wenig Sensationelles. Dass Hitler beim Aufbau seiner Macht primär auf Populismus setzte -- etwa bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit oder durch selektiven Terror gegen Kommunisten, Kriminelle, Homosexuelle, "Asoziale", "Arbeitsscheue" oder sonstige "Volksfeinde" und "Volksschädlinge", die er angeblich in ihrem eigenen Interesse vor dem Volkszorn in "Schutzhaft" nehmen, öffentlichkeitswirksam in Konzentrationslager stecken oder exemplarisch hinrichten ließ --, wird heute noch an Stammtischen besungen. Dass er durch jahrelange Beschwörung von Rassenhygiene und Herrenmenschentum seine in dieser Frage eher indifferenten Untertanen auf die Verfolgung von Juden und "Untermenschen" aller Art einstimmen ließ und dabei das mehrheitlich gut geheißene "Euthanasie"-Programm als Toleranzbarometer für die "Endlösung" nutzen konnte, ist evident. Und dass es in Diktaturen nie an Denunzianten mangelt, die zum eigenen Nutzen bereitwillig Polizei und Justiz zuarbeiten, ist beileibe kein Spezifikum Nazideutschlands.

Bei alledem muss sich Gellately als Wissenschaftler zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, dass er sich bei seiner Studie allzu sehr auf Stichproben stützt, deren Repräsentativität er nirgendwo belegt. Durch die holzschnittartige Wiederbelebung altbekannter Klischees trägt der Autor mit seiner Forschungsarbeit allenfalls zu einem Rückfall in die 68er Sichtweise von der "Tätergeneration" bei.

Robert Gellately:
Hingeschaut und weggesehen
Hitler und sein Volk
Deutsche Vlg.-A., Stgt. 2002 -- 480 Seiten
Hardcover -- € 29,90
 
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